zur Navigation springen

Yachtbau trifft Yachtgeschichte : Ein Museum, das kein Museum ist

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Oliver Berking hat am Industriehafen ein europaweit einzigartiges Zentrum für klassische Boote geschaffen

shz.de von
erstellt am 09.Dez.2016 | 17:15 Uhr

Leute, die sich ein wenig auskennen, haben keine Zweifel. Einen Platz wie diesen findet man in Deutschland gar nicht und in Europa wohl auch nicht ein zweites Mal. Dieser Platz liegt unweit des Ballastkais am Flensburger Industriehafen und war in dieser Gestalt 1995 nicht unbedingt vorherzusehen, als Oliver Berking das Flensburger Klassiker-Festival erfand.

In den folgenden Jahren würde dieses Familientreffen der Freunde klassischer Segelboote zum Großfamilientreffen wachsen, Dynamik entwickeln und eine Entscheidung provozieren, die am Ende diesen Platz hervorbringen würde: Das Yachting Heritage Center.

Wer schöne Konstruktionslinien liebt und die Anmutung klassischer Bootsbaumaterialien, den Glanz edler Hölzer, die Farbe verwaschenen Teaks; wer die Faszination alter Yachten in ihrem historischen Kontext erleben und studieren möchte, kommt um diesen Ort gar nicht herum. Oliver Berking hat hier unter dem Namen der weltbekannten Flensburger Silbermanufaktur Robbe & Berking eine Großfamilie gegründet und 20 qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen. Zunächst eine Werft für Holzyachten, dann Lagerhallen für deren Aufbewahrung, Reparatur und Winterpflege, schließlich das Yachting Heritage Center, das diesen englischen Namen führt, damit dieser Ort in Flensburg für die ganze Welt erkennbar wird.

Das führt zur folgenschweren Entscheidung im Jahr 2005 zurück, als Berking mit seinen beiden Flensburger Partnern Gorm Gondesen und Jochen Frank 173 001 Euro für die „Ostwind“ bot – und bei der meistbietenden Versteigerung des Bundes tatsächlich den Zuschlag für den 66 Jahre alten Sanierungsfall bekam, der seit Gründung der Marine für die Segelausbildung der Seeoffiziere genutzt wurde. Lange überlegten die Eigner, das Boot auswärts restaurieren zu lassen, doch dann beschlossen sie: „Wir machen es selbst, und wir machen es hier.“ Tatsächlich wurde die „Ostwind“ unter der Leitung von Berkings Freund Kai Wohlenberg in einem Zelt am Industriehafen von segelbegeisterten Handwerkern unter ihrem Geburtsnamen „Sphinx“ neu erschaffen. Als die 20 Meter lange Schönheit im Frühjahr 2008 wieder in ihr Element entlassen wurde, schien Berking die Gründung einer Werft irgendwie logisch. „Wir guckten uns an und fragten: und was jetzt?“ Praktischerweise stand gerade um die Ecke ein perfektes Gewerbegrundstück zum Verkauf.

„Museum trifft es nicht richtig“, sagt der Gründer. Da hat er Recht. Die mit der Werft verbundene neue gut 800 Quadratmeter große Halle mit der weltweit größten Yachtsport-Bibliothek, mit der aktuellen Ausstellung „Royal Yachting“ über die königlichen Anfänge des Wettsegelns vom 19. Jahrhundert bis in die bürgerliche Moderne sicher auch ein Aufbewahrungsort. Nur ist die Geschichte nicht abgeschlossen. Sie lebt, wie eine Halle weiter zu sehen ist. All die hier stehenden Yachten sind im Gebrauch und stehen gut im Futter: Sie haben Eigner gefunden, die ihre Unikate pflegen und erhalten. Museum trifft es also nicht. Die Boote – eine vergleichbare Konzentration klassischer Yachten gibt es nirgendwo anders – deuten eher darauf hin, dass die Geschichte einfach weitergeht. Vergangenheit und Gegenwart – alles im Fluss.

Zwei Beispiele: Die sehenswerte Eröffnungsausstellung zeigt – im Glaskäfig – einen Ausschnitt der königlichen Tafel auf der dänischen Staatsyacht Danebrog, die – 1931 erbaut – ebenfalls den aktiven Klassikern zuzurechnen ist. Der mit freundlicher Gestattung des Königshauses aus dem Bordalltag entliehene Tisch ist liebevoll dekoriert und aufmerksam arrangiert – bis ins Detail übrigens: Der unvermeidliche Aschenbecher der bekennenden Kettenraucherin Margrethe II ist ebenfalls an Bord. Daneben thront, im Original, „Norna VI“ eine 6mR-Yacht, mit der Norwegens Kronprinz und späterer König Olav ab 1937 die Regattapisten unsicher machte. Auch „Norna VI“ ist mit ihren fast 80 Jahren vollständig intakt und segelklar – im Moment trägt sie freilich statt des Mastes einen großen Tannenbaum. Sohn und Nachfolger Harald V., der das neue Haus neulich besuchte und bei der Gelegenheit auch mal nach dem jetzt in dänischem Privatbesitz befindlichen Familienboot schauen wollte, hatte jedenfalls keine Einwände.

Nicht zu unterschätzen in dem Ensemble sind noch ein paar Dinge mehr: die von Berking herausgegebene Yacht-orientierte Lifestyle-Zeitschrift „Goose“, die im Hause residierende international tätige Maklerfirma für klassische Boote Baum & König sowie das italienische Restaurant, oben auf der Südseite des Centers. Bis auf die selbstständige Gastronomie sind alles Teile einer Traditionsmarke, die Berking geschickt unter dem Familiendach zusammengeführt hat. Schlussendlich hat er mit Ina Steinhusen und Martin Schulz eine professionelle hauptamtliche Projektleitung installiert. Steinhusen ist Yachtfotografin, Schulz betreut nebenher als Geschäftsführer den Museumshafen mit seinen Gaffelseglern – ein perfektes Paket.

„Wir haben an diesem Ort eigentlich alles, was man braucht“, freut sich der Flensburger Unternehmer und Mäzen, der dieses Millionenprojekt weitestgehend in privater Verantwortung gestemmt hat. Berking macht kein Hehl daraus, dass er mit dem Heritage Center natürlich auch das Interesse potenzieller Kunden an klassischen Booten wecken will, die weltweit eine Renaissance erleben. „Wir bewegen uns in einem sehr kleinen Markt“, sagt er. „Da kann ein einziger Auftrag große Bedeutung erlangen.“ So wartet er, gut vorbereitet, auf seinen oft zitierten Lieblingsgast, den maritim begeisterten Mailänder, der nebst Gattin spontan für einen Kurzbesuch im Heritage-Center eincheckt und auch mit der Classic-Werft im selben Hause ins Geschäft kommt. „Wir können noch am selben Abend einen Vertrag schließen“, lächelt der Werftchef. „Sogar beim Italiener!“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen