Landgericht Flensburg : Ein Mord, der nie geschehen durfte

Ortstermin der Jugendkammer nahe der Wohnung des Mordopfers mit massiver Polizeibegleitung: Für die Angehörigen eine quälende Belastung.
1 von 3
Ortstermin der Jugendkammer nahe der Wohnung des Mordopfers mit massiver Polizeibegleitung: Für die Angehörigen eine quälende Belastung.

Der gewaltsame Tod des Mert Can Altunbas: Wie Sprache eine tödliche Eskalationsspirale formte.

Avatar_shz von
28. Dezember 2017, 07:30 Uhr

Flensburg | Ein kurzer Satz für ein großes Drama. „Das waren ganz normale Jungs“, sagt der Kripobeamte im Zeugenstand. „Die waren nicht auf Gewalt aus!“ Er sagt das vor der 2. Großen Jugendkammer am Landgericht, in einem Mordprozess, den es nicht geben sollte. Hier wird seit dem 25. September der Tod des Mert Can Altunbas aufgearbeitet, der am 16. April in der Osternacht vor der Tür seines Elternhauses in Flensburg-Klues verblutete. Ein ganz normaler Junge, getötet von zwei ganz normalen Jungs, alle 20 Jahre jung. Wie kann das sein?

Das Geschehen in der Nacht des 16. April ist für die Ermittler bei Polizei und Staatsanwaltschaft noch heute schwer zu fassen. „Das ist das Trostlose an diesem Fall“, meinte ein Staatsanwalt kurz vor Anklageerhebung. „Im Grunde genommen ging es zwischen den beteiligten Akteuren immer nur um Kleinigkeiten.“

Mert Can
Der getötete Mert Can.

Der Polizeibeamte im Zeugenstand hatte die sozialen Medien nach allen verfügbaren Daten über die Kontrahenten gesichtet, mit einem speziellen Programm insbesondere deren Smartphones mit hunderttausenden Dateien durchforstet und digitale Profile der Beteiligten erstellt. Er sagt: „Es ist nicht erkennbar, dass vor dem 18. März irgendetwas da war, was auf eine Eskalation hindeutete. Dass die untereinander Gewalt suchten, dafür gab es keinen Hinweis.“

Vor dem 18. März beherrschten – mit Macho-Attitüde unterlegt – Themen vieler junger Männer die Kommunikation: Familie, Autos, Mädchen, Nachtleben, Sport. Der begeisterte Fußballer Altunbas hatte einen großen Bekanntenkreis und war dort sehr beliebt, galt als hilfsbereit, unkompliziert, freundlich. Ähnliches gilt für die Angeklagten R. und I.

Was geschah vor der Tat?

Schon lange vor dem Tatabend sollen beide Parteien sich des Öfteren beleidigt und bedroht haben. Auch unter Einbindung von Angehörigen der Beteiligten sollen Drohungen geäußert worden sein. Diese seien aber im Grunde nur Nichtigkeiten gewesen, die in keinem rechten Verhältnis zu der darauffolgenden gewalttätigen Eskalation gestanden hätten, erklärt Thorkild Petersen-Thrö, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Aus der Auswertung vieler Beiträge in den sozialen Medien schlussfolgert die Staatsanwaltschaft, dass die beiden mutmaßlichen Täter das Todesurteil über Mert Can schon längere Zeit vor der Tatnacht gefällt hätten.

Was führte zu der Auseinandersetzung?

In einem Flensburger Lokal sollen Mert Can und der verdächtigte spätere Mittäter wegen einer Frau aneinandergeraten sein. Den mutmaßlichen Mittäter schien die Auseinandersetzung so aufgebracht zu haben, dass er seinen Cousin auf dessen Arbeitsstelle kontaktiert und zur Racheaktion überredet haben soll.

Zwei bis drei Stunden später soll ein mit fünf Personen besetzter Wagen in den Flensburger Stadtteil Klues unterwegs gewesen sein, wo das Opfer mit seinen Eltern wohnte.

Kam es unmittelbar vor der Tat zu einer Morddrohung?

Bevor sie ihr Opfer aufsuchten, hatten die Täter anscheinend eine E-Mail mit einer Morddrohung an Mert Can versandt, welche dieser wahrscheinlich nicht gelesen hatte.

Was passierte vor dem Elternhaus von Mert Can?

Die beiden 20-jährigen Cousins R. und I. sollen Mert Can in der Nacht zu Ostersonntag in seinem Elternhaus aufgesucht haben. Als dieser die Tür öffnete, soll einer der Cousins das Opfer mit zwei tödlichen Stichen in den Bauch verletzt haben und dabei wichtige Organe getroffen haben. Mert Can erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Was wissen wir über den Mitangeklagten R.?

Am ersten Prozesstag, am 25. September, gab R. zu Protokoll, dass es nach seiner Überzeugung I. war, der das Messer führte. R. entschuldigte sich bei den Angehörigen von Mert Can. R. sei lediglich Komplize gewesen. So habe er sich zumindest der Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gemacht, selbst wenn er an der Tat nicht aktiv beteiligt gewesen sein sollte. Er habe billigend in Kauf genommen, dass I. zuvor erfolgte Drohungen in die Tat umsetzen würde.

Was wissen wir über den Hauptangeklagten I.?

Am zweiten Prozesstag, am 4. Oktober, beschuldigte I. seinen Cousin R. den Mord begangen zu haben und entschuldigte sich ebenfalls bei der Familie des Opfers. I. erzählte die Geschichte, die sein Komplize R. schon am ersten Verhandlungstag erzählt hatte, nur anders herum. In dieser neuen Version sei R. wegen Mert Can in Rage gewesen und habe die Tat begangen.

Was wissen wir über den Hauptzeugen E.?

Am 9. Oktober gab der Hauptzeuge E. an, sich nicht an Details aus der Tatnacht erinnern zu können. Der Zeuge habe in der Mordnacht auf dem ehemaligen Aldi-Parkplatz am Kupfermühlenweg auf die Rückkehr der beiden Angeklagten gewartet. Die Cousins I. und R. hatten den Fahrer nach Klues dirigiert. Auch am 2. November wusste er während einer acht stündigen Befragung auf viele Fragen keine Antowrt.

Gibt es eine Einflussnahme Dritter?

Die Prozessbeteiligten fragen sich, woher die Gedächtnislücken des Zeugen kamen. Kammervorsitzende Birte Babener sprach direkt das Thema Einflussnahme Dritter an. Immerhin: Der Zeuge saß bei seiner Befragung direkt vor dem „schwarzen Block“ der Mert Can-Freunde. Seitlich rechts von ihm saß die unversöhnliche Nebenklägerin, die so emotional auf das Prozessgeschehen reagierte, dass sie einen Ordnungsruf vom Richtertisch kassierte. Eine aktuelle Sprachnachricht, die auf dem Smartphone des Zeugen vorgespielt wurde, war auch nicht ermutigend. Alles Mörder sind – für den nicht genannten Absender – auch jene, die auf dem nächtlichen Parkplatz „nur“ im Auto saßen.

Und schließlich ist da noch der Hauptangeklagte, der kein Interesse daran haben kann, mit der Tatwaffe in Verbindung gebracht zu werden. I. hätte Zeit gehabt, Dinge zu beeinflussen. In der U-Haft verfügte er zeitweilig über ein unentdecktes Handy.

 

Auch bei ihnen Hinweise auf eine starke soziale Ader, beide fühlten sich im hohen Maße für ihre jüngeren Brüder verantwortlich. R. verschaffte sich große Anerkennung, als er vor zwei Jahren in einem Supermarkt den rabiaten ausländerfeindlichen Übergriff eines Kunden gegen ein irakisches Kind von elf Jahren souverän unterband, seine Kollegen schätzten ihn sehr.

Großes Interesse am Prozess: Über 80 Menschen zum Auftakt ins Landgericht, nur 50 durften hinein. Bis heute ist der Prozess gut besucht.
dpa
Großes Interesse am Prozess: Über 80 Menschen zum Auftakt ins Landgericht, nur 50 durften hinein. Bis heute ist der Prozess gut besucht.

Am 18. März war es zwischen Altunbas und dem jüngeren Bruder von I. zu einer kleinen Auseinandersetzung gekommen. Es ging um zwei Backpfeifen. Daraufhin flogen verbal die Fetzen. Prügeln, Ficken, Töten, rollende Köpfe – vorgespielte Sprachnachrichten, verlesene Chatprotokolle belegen eine rasant steigende gegenseitige Aggressivität – mit den sozialen Medien als hundertfach verstärkender Echokammer.

Nach bisherigem Stand war der Angeklagte I. die treibende Kraft, observierte mit Freunden sogar das Haus, wollte eine – vermutlich handgreifliche – Klärung mit Altunbas herbeiführen. Allein: Er bekam sie nicht. „Mert Can habe das nicht ernst genommen“, sagt der Ermittlungsbeamte. „Er ging dem Konflikt aus dem Weg.“

Als Altunbas am 15./16. April dann auf einer Geburtstagsparty im allseits beliebten Treffpunkt an der Schiffbrücke erneut eine Allerweltsauseinandersetzung hatte, diesmal mit dem jüngeren Bruder des Angeklagten R., brachen alle Dämme. Um 3 Uhr morgens brachen I. und R. gemeinsam mit drei Freunden zum Haus der Familie Altunbas auf, um Mert Can zu stellen. Der 20-Jährige ging an die Tür, öffnete und bekam sofort zwei Messerstiche in den Bauch. Der erste traf die Leber, der zweite öffnete die Aorta. Mert Can Altunbas hatte keine Überlebenschance. Seine letzten Wort galten seiner Freundin: „Es ist nur ein Kratzer.“

Familie und Freunde des Getöteten trauern öffentlich und mobilisieren viele Menschen. Eine Kundgebung in der Innenstadt, ein Banner an der Zob-Brücke. Sie erreichen sogar, dass ein Banner im Bernabèu-Stadion, Zuhause von Mert Cans Lieblingsclub Real Madrid, gezeigt wird. Im Juli findet ein Gedächtnislauf im Flensburger Stadion statt, Hekmit Yilderim, Tante des Mordopfers, kündigt weitere Aktionen etwa mit den Sportpiraten an. Ihr erklärtes Ziel: Hass und Gewalt aus der Umgangssprache der jungen Menschen zu bannen.

Doch die Hauptverhandlung zeigt, dass dieser Weg alles andere als einfach ist. In der Beweisaufnahme flackern immer wieder verstörende Signale auf. Da wird der Familie einer Zeugin die Blutrache angedroht, da werden Unbeteiligte als Mörder verunglimpft, werden Vergewaltigungen erfunden. Beklemmend daran: Das alles bleibt nicht im Internet. Daraus werden reale Handlungen. Im Prozess wird den Angeklagten der Tod angekündigt, werden Zeugen verbal angegangen und auf offener Straße verfolgt. Als auf Grund einer Falschmeldung ein Bekannter der beiden Täter zu Unrecht in die Reihe der Verdächtigen rückt, fordern Staatsanwaltschaft und Schule des Betroffenen hektisch die Berichtigung. Der Betroffene wird verprügelt, „den Schulfrieden könne er nicht mehr garantieren“, sagt der Schulleiter. Für De-Eskalation gibt es kaum Spielraum.

Es gibt aber auch Hoffnung. Nach 14 Verhandlungstagen berichtet ein Zeuge – Freund des Getöteten und in der Gastronomie an der Schiffbrücke tätig: „Früher wurde einfach so gesagt, ’ich töte Dich’ – auch wenn das nie so gemeint war. Seit dem Tod Mert Cans haben alle einen Gang runtergeschaltet. Heute erzählen die sich, wie betrunken sie waren und wie viel Spaß alle hatten. . . “

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert