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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Ein mörderisches Jahr

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1994 kam die Polizei nicht zur Ruhe: Ein Kapitalverbrechen folgte dem nächsten. Der Mord an einer 24-jährigen Prostituierten ist bis heute nicht aufgeklärt.

Flensburg | Die Polizeistatistik beschreibt Flensburg als Stadt der Friedfertigen. Im Vergleich mit den anderen „Großstädten“ des Landes, mit Lübeck, Kiel oder Neumünster gilt: Nirgendwo lebt man sicherer. 1994 hätte das kein Polizist so unterschrieben. Das Jahr war mit acht tödlichen Kapitalverbrechen das schwärzeste seit Bestehen der Kriminalstatistik. Immerhin: Sieben Tötungsdelikte konnte die Kripo aufklären. Einen besonders grausamen Mord aber nicht.

Der August 1994 beschert Flensburg ungewohnt beständig schönstes heißes Hochsommerwetter. Der 9. August macht da keine Ausnahme. Es ist ein Dienstag mitten in den großen Ferien. Das Appartement von Sylvia D. in der Bahnhofstraße 50 hat nach hinten raus einen einen kleinen Balkon, dessen Tür wegen der Hitze offen steht. Sie hat zwei kleine Mädchen, die sie bei ihrer Mutter untergebracht hat. Denn: Sylvia D. wohnt hier nicht. Das Doppelbett ist ihr Arbeitsplatz. In der Hamburger Morgenpost verkauft sie ihren Körper unter dem Namen „Mandy“ für Geld. Spät am Nachmittag klingelt ein Besucher. Als Sylvia D. die Haustür öffnet, steht sie vor ihrem Mörder. Sie wird ihren Geburtstag am 24. August nicht feiern. Sie wird an diesem Dienstag sterben. 24 Jahre jung.

Erst einen Tag später steht die Mordkommission vor den sterblichen Überresten der grausam zugerichteten jungen Frau. Die Obduktion wird 30 Messerstiche feststellen; der Mörder hat außerdem gezielt ein Stück Fleisch aus ihrem Oberarm geschnitten und mitgenommen. Er ist längst über alle Berge und hat uneinholbare 24 Stunden Vorsprung. Flensburg schüttelt, wenigstens teilweise beschämt, den Kopf über einen öffentlichen Tod. Das Sterben der fast fünf Minuten verzweifelt schreienden Frau haben Dutzende Nachbarn in dem Appartementhaus auf ihren Balkonen gehört. Geholfen hat keiner. Als die Todesschreie endeten, das Wimmern verstummte, ging die Welt zur Tagesordnung über. Der Polizei werden diese Zeugen berichten, sie dachten, die Geräusche wären Teil des Liebesspiels gewesen. Die Rettungskräfte wurden erst einen Tag später von einer Freundin der Toten alarmiert. Sie hatte sich Sorgen gemacht. Weil bei Sylvia D. immer nur das Besetzt-Zeichen kam. Der Hörer war während des Kampfes vom Telefon gefallen.

Der Mörder von Sylvia D. wurde bis heute nicht gefasst. Die Ermittler vermuten, dass der Täter gegen 17 Uhr blutverschmiert durch den Haupteingang des Hauses geflohen ist. Im hellen Tageslicht. Aber es gab keinen einzigen Zeugen. Die Leute hatten nur hingehört, aber nicht nachgesehen. Die Kripo geht bis heute davon aus, dass der Mörder ein Bahnreisender ist – theoretisch konnte er in ganz Europa zuhause sein. Seine „Handschrift“ wurde international mit vergleichbaren Verbrechen abgeglichen – aber alle Spuren führten ins Nichts. Auch als 2003 der technische Fortschritt eine genetische Spur verwertbar machte und 250 Männer deutschlandweit eine DNA-Probe abgaben , war das nicht der Durchbruch. Der Mordfall Mandy ist bis heute ein Rätsel.

Besser lief es für die Fahnder in zwei weiteren Aufsehen erregenden Fällen. Nicht mal drei Wochen vor dem Tod der Sylvia D. fand eine Haushälterin am 18. Juli den Immobilienmakler Udo F. im Schlafzimmer seines Hauses in der Elbestraße. Ein Jahr zuvor hatte F. eine Millione im Lotto gewonnen. Aber ein Glückspilz war er nicht. Udo F. war an Händen und Füßen gefesselt, Nase und Mund mit Klebeband verschlossen – der 47-Jährige war qualvoll erstickt. Vier Tage später waren die Täter überführt. Drahtzieher war ein ehemaliger Geschäftspartner des wohlhabenden Maklers, der drei rumänische Asylbewerber als Komplizen dirigierte. Bereits drei Wochen vor dem Mord war das Quartett in das Maklerhaus eingebrochen und hatte über 30 000 Mark erbeutet. Die Polizei war mit dem Glück im Bunde. Sie verfolgte die Spur einer Kreditkarte, die dem Einbruch gestohlen worden war – zunächst nicht wissend, dass der Kreditkartenbenutzer mit dem Mörder identisch war. Die Spur führte nach Bad Hersfeld und von da ins thüringische Geisa, wo sich der Haupttäter in einem Asylbewerberheim versteckt hielt. Er ließ sich widerstandslos festnehmen. Er und seine Komplizen wurden wegen Raubes mit Todesfolge zu 12 bzw. sieben und drei Jahren Haft verurteilt.


Tod in den Armen der Mutter


Das Jahr hatte schon tragisch begonnen. Am 10. Januar, einen Tag vor der geplanten Hochzeit, verblutete die 28 Jahre alte Hotelierstochter Eva Toffer in den Armen ihrer Mutter. Ihr Gatte in spe, Oliver E.(26), hatte sie in ihrem Wohnzimmer mit einem Schuss aus seiner 7.65 mm Beretta getötet. Der Mordfall erregte bundesweit Aufsehen, denn die Toffers waren in jener Zeit prominent. Erich Toffer war Inhaber des „Hotel des Nordens“ an der deutsch-dänischen Grenze. Er hatte weltweit durch seine Freundschaft mit dem ehemaligen US-Präsidenten Richard Nixon Bekanntheit erlangt, der 1981 sogar nebst 30-köpfigem Gefolge für ein paar Tage in Harrislee zu Besuch weilte. Der Mordprozess zeigte die triste Kehrseite des Reichtums: Eva Toffer, die mit E. zwei Kinder hatte, war nach dem Selbstmord ihres Vaters und dem frühen Tod des Bruders emotional entwurzelt, sie galt als drogensüchtig, war von Verlustängsten getrieben und von dunklen Gestalten umgeben, die an ihr Geld wollten. Oliver E. wurde wegen Totschlags zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Das ganze weitere Jahr sollte es für die Kripo keine Atempause geben. Im März Am 14. April wurde in der Kanzleistraße 5 die 36-Jährige Birgit L. von ihrem Freund erwürgt, vier Tage später standen Kripobeamte in der Großen Straße 21 vor der Leiche einer 29 Jahre alten Türkin, gleich neben ihr schrie ihr 10 Monate altes Baby. Ihr drogensüchtiger Freund hatte sie im Vollrausch erwürgt. Der rätselhafte Todessturz einer 47-Jährigen am Hafermarkt sorgte für Mordermittlungen, ebenso ein Streit unter Brüdern auf dem Harrisleer Marktplatz, bei dem ein Schlag mit dem Krückstock einen Herzinfarkt ausgelöst hatte. Im August sorgte in Glücksburg ein Polizist mit totalem Kontrollverlust für Alarm. Er fuchtelte mit entsicherter Waffe im Eingang eines Hauses an der Rathausstraße herum und drohte, die Bewohner zu erschießen, die er als Teil einer weltumfassenden Verschwörung ausgemacht hatte. Im Franz-Schubert-Hof endete eine Liebesgeschichte tödlich: Eine vereinsamte 43-Jährige wurde Opfer eines ständig bekifften 23-Jährigen, den sie über eine Kontaktbörse kennen gelernt hatte. Am 24. Dezember starb im Studentenwohnheim Munketoft 120 der 22-jährige Junkie Mehmet C. Ein 32-jähriger Flensburger hatte ihn im Streit um Heroin mit einem Schraubenzieher niedergestochen und ihn dann – um einen Selbstmord vorzutäuschen – am Dachbalken erhängt. Viel Zeit zum Durchatmen sollte der Mordkommission nicht bleiben. Bereits am 9. Januar 1995 ging es weiter: Tod im Junkerhohlweg, Streit unter Eheleuten.

Die Fülle der Kapitalverbrechen hatte Flensburgs Oberbürgermeister Olaf Cord Dielewicz schon früh veranlasst, die Presse vorzuladen. Dielewicz wollte eine freundlichere Berichterstattung erwirken – kam aber nicht weit. Noch im Gespräch mussten die Tageblatt-Journalisten Hals über Kopf aufbrechen. Ein neuer Mordfall wartete.

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erstellt am 20.Nov.2015 | 18:44 Uhr

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