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Dialyse seit 30 Jahren : Ein Leben mit der künstlichen Niere

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Annick Weinert ist seit 30 Jahren dialysepflichtig und kommt dreimal pro Woche für je fünf Stunden ins Dialysezentrum am Alten Ochsenweg. Durch die Behandlung haben Patienten mehr Lebensqualität.

shz.de von
erstellt am 18.Sep.2015 | 11:00 Uhr

Flensburg | In eine Decke eingewickelt döst Annick Weinert vor sich hin. In ihrem Arm stecken zwei Nadeln und über Schläuche fließt ihr Blut in eine künstliche Niere, die neben ihrem Bett steht. Sobald es gereinigt ist, fließt es wieder zurück in den Körper. Drei Mal pro Woche kommt die 67-Jährige ins PHV-Dialysezentrum, um ihr Blut waschen zu lassen.

Das Gebäude am am Alten Ochsenweg ist Weinerts Lebensmittelpunkt. 15 Stunden pro Woche liegt sie mit fünf anderen Patienten in einem Zimmer. Sie alle kennen sich gut, oft schon seit mehreren Jahren. Auch das Verhältnis zu Ärzten und Pflegern ist sehr gut. „Wir sind wie eine große Familie“, sagt Arzt Frank Lammerskitten. Das läge mitunter daran, dass die Ärzte transparent mit neuen Patienten umgehen. Sie werden vor Behandlungsbeginn anhand einer Power-Point-Präsentation über die Dialyse informiert und können dann mit den Angehörigen durchs Zentrum gehen, um zu sehen, was sie erwartet. „Die Patienten haben erst Angst, aber nach drei Monaten merken sie, dass es ihnen besser geht“, betont Lammerskitten.

Die gebürtige Französin ist seit ihrem 37. Lebensjahr wegen diagnostizierten Schrumpfnieren auf die überlebenswichtige Behandlung angewiesen. Eine ungewöhnlich lange Zeit, erklärt Lammerskitten. Nicht viele Patienten können die anstrengende Dialyse so lange überleben. Das liege aber nicht an der Blutwäsche selbst, sondern an verschiedenen Begleiterkrankungen, an denen die Patienten leiden. Dazu gehören zum Beispiel Diabetes oder Bluthochdruck, erzählt Lammerskitten. Andere bekommen einen Herzinfarkt oder erkranken an Krebs. Das Ziel der Dialyse sei es, die Nierenfunktion zu erhalten. Nur nach einer Transplantation sind Patienten geheilt.

Die Dialyse werde aber oft in ein schlechtes Licht gerückt, bedauert Lammerskitten. Dabei sei es eine Behandlungsmethode, die den Patienten Lebensqualität bietet. „Es kommt nicht darauf an, wie lange man lebt, sondern wie man lebt.“ Die Patienten müssten noch nicht einmal ins Zentrum kommen, sondern könnten auch zu Hause dialysieren. Diese Möglichkeit hat auch Weinert genutzt und punktierte sich über zehn Jahre selbst.

„Viele Patienten möchten neben der Dialyse noch arbeiten“, sagt Lammerskitten. Diese kommen dann entweder früh morgens oder zur sogenannten langen Nacht – der achtstündigen Blutwäsche – ins Dialysezentrum. Auch Weinert hat noch neben ihrer Behandlung als Kellnerin gearbeitet. Ihr Chef habe auf ihre Krankheit Rücksicht genommen und sie nur noch hinter den Tresen zur Getränkeausgabe gestellt. Nach zehn Jahren musste sie jedoch ihren Beruf an den Nagel hängen, denn die Arbeit wurde zu anstrengend.

Die 67-Jährige aus dem französischen Cherbourg hat gelernt, mit der Dialyse zu leben – „und das geht, wenn man sich danach richtet“. Sie darf nur wenig trinken, nicht an Gewicht zunehmen und keine Schmerzmittel nehmen. In den Urlaub fahren ist aber kein Problem. „Ich war in Spanien, Griechenland und auch in Frankreich“, erzählt sie. Vor Ort habe sie sich eine Klinik zum Dialysieren gesucht. Auch Lammerskitten bestätigt, dass die Dialyse keine Reisenden aufhält: „Wir dialysieren Patienten, die Segeln gehen oder Bergsteigen.“

Bergsteigen kann Weinert nicht mehr, dafür hat sie die 30-jährige Behandlung zu sehr mitgenommen. Ihr Arzt bescheinigt ihr eine hohe Dialyse-Effektivität. Würde sie die Dialyse abbrechen, wäre sie innerhalb von zwei bis drei Wochen tot. Doch daran denkt sie nicht. Wenn ihr Blut in einer Stunde komplett gereinigt ist, bekommt sie etwas zu Essen und ruht sich zu Hause etwas aus. „Wenn ich es schaffe, gehe ich jeden Tag in die Stadt und sonnabends auf den Markt“, sagt sie und lächelt.

 

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