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Inklusion in Flensburg : Ein kräftezehrender Kampf: Eltern machen sich für ihre behinderte Tochter stark

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sabine Nerlich und Sven Tienke ringen mit der Agentur für Arbeit in Flensburg um die Praktikums-Finanzierung für ihre behinderte Tochter.

shz.de von
erstellt am 10.Nov.2017 | 06:48 Uhr

Flensburg | Sie kämpfen für die Rechte ihrer Tochter. Für ein selbstbestimmtes Leben der siebzehnjährigen Nina*, die wegen einer angeborenen Behinderung auf den Rollstuhl angewiesen ist.

Es ist ein kräftezehrender und langwieriger Kampf, den Sabine Nerlich und Sven Tienken ausfechten. Nina vollzieht gerade den Übergang von der Förderschule in den Beruf. Seit Anfang September macht sie ein auf zwölf Monate angelegtes Praktikum in der Campus-Kita – der Kindertagesstätte für Studentenkinder an der Thomas-Fincke-Straße. Doch der Platz ist gefährdet. Denn ihr Antrag auf Finanzierung durch die Arbeitsagentur Flensburg ist nach etwa einem halben Jahr immer noch nicht abschließend bearbeitet. Den Eltern rennt die Zeit davon – und sie bleiben auf den Kosten sitzen.

Nina ist mit Spina Bifida und Hydrocephalus geboren – damit einher gehen Symptome eines inkompletten Querschnittes und einer Teilleistungsstörung. Im Klartext: Sie hat eine Behinderung, die sich in Wahrnehmungsstörungen und Konzentrationsmängeln äußerst. Je nach Ausprägung der Fehlbildung sind die Betroffenen wenig oder aber stark körperlich beeinträchtigt.

Die Tatsache, dass Nina einen berufsvorbereitenden Praktikumsplatz in der Kita einnehmen kann, spricht für sich, wie ihre Eltern finden. „Sie ist durchaus in der Lage, das zu bewältigen“, sagt Sabine Nerlich. „Und ich möchte, dass sie das auch frei entscheiden darf.“ In der Tat sei es Ninas Wunsch, in den 1. Arbeitsmarkt integriert anstatt in Werkstätten „abgeschoben“ zu werden. „Sie kann viel mehr als nur schrauben“, sagt Sabine Nerlich. „Sie möchte mit Kindern arbeiten.“

Die Crux: Um ein Leben in eigener Verantwortung und Gestaltung führen zu können, ist Nina auf ein „Persönliches Budget“ angewiesen. Einen entsprechenden Antrag hat die in Angeln wohnende Familie bereits im Mai beim Kreis Schleswig-Flensburg gestellt, der das Ersuchen an die Flensburger Arbeitsagentur weitergeleitet hat.

Die Leistungsform des Persönlichen Budgets wurde  zum 1. Juli 2001 eingeführt. Einen Rechtsanspruch gibt es seit 2008. Dadurch können Leistungsempfänger von den Rehabilitationsträgern anstelle von Dienst- oder Sachleistungen zur Teilhabe ein Budget wählen. Hieraus bezahlen sie die Aufwendungen, die zur Deckung ihres persönlichen Hilfebedarfs erforderlich sind. Diese Wahlfreiheit fördert die Selbstbestimmung behinderter Menschen.

Den Empfang des Schreibens bestätigt deren Sprecher Christian Groborsch auf Anfrage vom shz. Ebenso die Tatsache, dass Antragsteller einen Rechtsanspruch auf ein eigenes Budget haben, sollten die entsprechenden Voraussetzungen vorliegen. „Wir sind auch bereit, das Anliegen im Rahmen unserer Möglichkeiten zu unterstützen.“

Die Eltern von Nina indes können nicht begreifen, warum das so viel Zeit in Anspruch nimmt. „Es geht uns darum, dass wir endlich einen Termin erhalten, damit es zu einer Zielvereinbarung kommen kann und damit es für Nina weitergeht“, sagt Sven Tienken. „Wir verstehen nicht, wie es zu einer solchen Verschleppung kommen kann, denn das hat für unsere Tochter weit reichende Folgen.“

Aktuell tragen die Eltern die Kosten, die sich nach ihren Angaben auf etwa 2500 Euro monatlich belaufen. Die Fahrten nach Flensburg und der Einsatz von zwei Arbeitsassistenten auf 450-Euro-Basis machen dabei den größten Teil aus. Sabine Nerlich arbeitet als freiberufliche Hebamme, ihr Mann als Krankenpfleger, doch auch für Doppelverdiener ist die finanzielle Belastung erdrückend.

Das Ehepaar hat nun alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihrer Tochter die politisch gewollte Teilhabe am sozialen Leben durch Integration in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. In diesem Kontext verweisen sie auf die 2006 beschlossene und zwei Jahre später in Kraft getretene UN-Behindertenrechtskonvention zur Gleichberechtigung behinderter Menschen. Sie haben einen Rechtsanwalt eingeschaltet, den Behindertenbeauftragten des Landes und die Landtagsabgeordnete Birte Pauls informiert. Ein Eilverfahren wurde vor dem Sozialgericht in Schleswig abgelehnt.

Christian Groborsch bestätigte gegenüber dem shz, dass nunmehr ein Gesprächstermin ins Auge gefasst worden sei. „Aber“, schob er nach, „das Budget ist nicht unendlich!“ Er erläutert das Prozedere: Demnach wird die Höhe der Förderung auf Grundlage des teuersten Anbieters für eine Beschäftigung in Werkstätten ermittelt. Das könne sich im Schnitt bei etwa 1800 Euro im Monat bewegen. „Davon müssen auch die Fahrtkosten bestritten werden.“ Für die Übernahme einer Arbeitsassistenz fehle der rechtliche Rahmen. Überdies müsse Nina eigenverantwortlich ihre Sozialversicherungspflichten erfüllen. „Kranken- und Rentenversicherung sind aber über das Ausbildungsgeld abgedeckt.“

Die Klage, dass es Kommunikationsstörungen gegeben habe, weist Christian Groborsch energisch zurück. „Wir hatten in den letzten Monaten kontinuierlichen Kontakt und hoffen, jetzt eine Zielvereinbarung unter Dach und Fach zu bringen.“

*Name geändert

 

 

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