Flensburg-Gastspiel im Deutschen Haus : Ein Kelly kann’s auch allein

Er ist wieder da! Patrick Michael Kelly, 40, Mädchenschwarm mit Charme und Stimme, reißt die Massen mit.
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Er ist wieder da! Patrick Michael Kelly, 40, Mädchenschwarm mit Charme und Stimme, reißt die Massen mit.

Paddy Kelly legt perfekte Show im ausverkauften Deutschen Haus hin und staunt übers nördliche Erdbeben

shz.de von
08. Januar 2018, 09:00 Uhr

Der Saal soll bestuhlt sein, sagt jemand. Doch die drinnen brauchen keine Stühle und keine zwei Titel, um aufzuspringen und zum Takt zu toben. Den ersten Song hat der Künstler selbst noch im Liegen verbracht, oben auf einem Treppenabsatz mitten auf der Bühne im blauen Licht und zu harter Rockmusik. Bei Nummer zwei, dem Ohrwurm „Golden Age“, sind Michael Patrick Kelly und seine fünfköpfige Band in rotes Licht getaucht und 1600 Fans im ausverkauften Deutschen Haus, nicht nur die auf den Stehplätzen, stehen und gehen mit.

„Was macht ihr mit mir“, fragt Paddy Kelly ungläubig ins Fanvolk hinein und wird die Nacht lang im Gespräch bleiben mit seinen vielen Verehrerinnen, die sich gut und gern als Chor dirigieren lassen, und ein paar Begleiterscheinungen. Der mit nun 40 Jahren drittjüngste Spross der vor allem irischen Kelly Family ist immer noch ein Mädchenschwarm, sympathisch wie verrückt und nach wie vor bei fantastischer Stimme. Eine Art goldenes Zeitalter hat er mit seiner weltberühmten Familie selbst erlebt, die friedlich und frei in den 70er Jahren mit Straßenmusik in Europa unterwegs war, die Mitte der 90er eines der erfolgreichsten Alben in die deutsche Musikgeschichte warf und deren Konzerte Besucherrekorde brachen. Dem frischen Comeback einiger Family-Mitglieder hat sich der Komponist des Hits „An Angel“ zwar nicht angeschlossen, aber seine Solo-Karriere läuft auf Hochtouren.

Zwischen diesem und jenem Erfolg war aber nicht immer nur Gold. Der 40-Jährige erzählt freimütig von seiner Krise als noch jüngerer Mann und seinen Jahren im Kloster, unter anderem in Frankreich. Er hatte die Leidenschaft fürs Leben und die Leidenschaft für die Musik verloren, erklärt er. Doch die Lust auf beides kam wieder, und er, wie ein „verlorener Sohn“, zurück. Als Mönch schrieb er Songs; sein aktuelles Album „iD“ indes hat er binnen eines halben Jahres in London „aufnehmen dürfen“, sagt Paddy und spricht voller Ehrfurcht von den Größen der Branche. Ihnen, die nach dem Credo „Live fast, die young“ lebten und „traurig endeten“, widmet er „Requiem“, nennt den Song ein Gebet für große Künstler wie Chester Bennington und Chris Cornell. Und er widerspricht: Spaß ja, aber nicht übertreiben.

Das Licht wird lila, im Bühnenhintergrund werden Portraits projiziert von Elvis, Prince, Freddie und vielen anderen, später die Schriftzüge, die auseinanderstieben. Solche nachdenklichen Momente gibt es einige in der Show – und auch eine Schweigeminute. Bei jedem Konzert, sagt Michael Patrick Kelly. Sie gilt dem Frieden und folgt auf den Flüsterton. So heißt ein Song des allgegenwärtigen Kollegen Mark Forster und ist einer der wenigen, den Paddy Kelly auf Deutsch singt. Das steht ihm ausgezeichnet, er wirkt viel zarter darin, während er sonst fast platzt vor Energie, auch an Gitarre oder Klavier und sich durch die wilden Haare fährt. Paddy Kelly zitiert auch den Künstler „Gentleman“ im Albumtitel-Song „iD“, der nicht nur Tanzbares, sondern Tiefe hat. Denn er stellt die Lebensfragen, die einen Kelly bewegen: „Who am I? Who are you? Who are we?“

Paddy Kelly ist ein starker Sänger mit Kopfstimme, Kraftstimme, Schmelzstimme, schreibt schöne Melodien und hat ’ne coole Band, die von Folk über Pop bis Hardrock funktioniert. Sie lieben Musik, sagt der Ire und lobt die Nordlichter, erst recht, wenn der Funke zurückkommt. Der zündete, auf Facebook nennt er es danach ein „nördliches Erdbeben“.

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