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Landgericht Flensburg : Ein Kaufmann kämpft um seinen Ruf

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nach Verurteilung wegen Beleidigung: Wolfgang Schöneseiffen (64) will in der Berufungsverhandlung einen Freispruch erwirken

Er ist Stammgast bei Justitia. Das Enfant terrible in Flensburger Gerichtssälen. Eine Herausforderung für jeden Richter – und ein Mann, der seit über zehn Jahren wie besessen um Rehabilitation und Gerechtigkeit kämpft.

Das war gestern nicht anders. Wolfgang Schöneseiffen ist am 8. Februar letzten Jahres wegen Beleidigung zu drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Wie nicht anders zu erwarten, ging der 64-Jährige in Berufung. Und nutzte die III. Kleine Strafkammer des Landgerichts als Forum für ausufernde Monologe.

Hintergrund: Ein Mammutprozess gegen den Flensburger Kaufmann wegen des Verdachts der fünffachen Brandstiftung hatte mit 126 Verhandlungstagen seinerzeit großes Aufsehen erregt. Als er im November 2007 aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde, hatte er fast zwei Jahre im Gefängnis gesessen. Unschuldig. Durch den Prozess habe er Freunde, Familie und ein Vermögen von 16 Millionen Euro verloren, sagt Schöneseiffen. Den Freispruch brandmarkt der ehemalige Altbausanierer als Freispruch zweiter Klasse, noch immer werde er öffentlich als Brandstifter stigmatisiert.

All das hat er den beteiligten Richtern und Staatsanwälten nie verziehen.

Die Besucher im Saal 316 waren auf Krawall gebürstet. Wollten sich nicht erheben, als der Richter eintrat, wollten lieber diskutieren über Moral, einer begann das Geschehen sogleich mit dem Smartphone zu filmen und musste zur Ordnung gerufen werden. Im Verlauf der Verhandlung störten sie durch Zwischenrufe, bis Richter Mathias Eggers energisch einschritt. Er sei ein friedliebender Mensch, „aber wer die Ordnung stört, fliegt raus!“

Dem Angeklagten hielt er noch einmal den Grund für seine aktuelle Verurteilung vor. In einem am 9. Juni 2012 verteilten, von ihm namentlich gezeichneten Flyer habe er zwei Richter als „widerliche Ratte“, „Wurm“, „kriminell“ oder „Richter in Satanskluft“ verunglimpft. Das bestritt der Angeklagte energisch. Zwar würde die angesprochene Klientel durchaus lügen, betrügen, Urkunden fälschen und Zeugen beeinflussen, aber ein derartiges Vokabular passe so gar nicht zu ihm.

Zuvor allerdings, das räumte er ein, habe er von ihm verfasste Flyer in einer Zahl von 50 000 im Stadt und Land persönlich verteilt, die inhaltlich und gestalterisch fast identisch waren. Lediglich die Absätze, die letztlich zum Urteil führten, fehlten darin. Schöneseiffen beteuerte seine Unschuld: Er würde selbstredend dazu stehen, wenn er für den Flyer auf der Westlichen Höhe verantwortlich sei.

Immer wieder hob er zu Ausführungen an, die mit der aktuellen Anklage nur wenig zu tun hatten. Eggers ließ ihn mit einer Engelsgeduld gewähren. In der Hoffnung, dass der Angeklagte, dessen Verteidiger an diesem Tag wie von Erdboden verschluckt war, sich in seinen weit verzweigten Exkursen erschöpfte?

Schließlich hatte der psychiatrische Gutachter das Wort. Er habe, sagte Thomas Bachmann, sich mit dem Angeklagten auf keinen Termin verständigen können. Allerdings dürfe man über eine Persönlichkeitsauffälligkeit im Bereich des Narzisstischen nachdenken. Eine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit oder wahnhaftes Verhalten erscheine jedoch abwegig. Die von Schöneseiffen eingebrachten autistischen Anwandlungen bezeichnete er als „Blödsinn“. Schöneseiffen seinerseits bekräftigte, er werde sich von Bachmann nicht untersuchen lassen. „Ist doch klar, dass der dann sagt, ich fühle mich verfolgt.“


>Der Prozess wird am Mittwoch,17. 9., fortgesetzt.

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