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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Ein Kaufhaus verdrängt das Rathaus

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1964 wird das alte Gebäude am Holm abgerissen. Die Einweihung des Hochhauses mit 13 Stockwerken findet im April 1965 statt.

shz.de von
erstellt am 13.Sep.2015 | 13:30 Uhr

Flensburg | Die Flensburger verscherbeln ihr Rathaus für ein Kaufhaus – ist der verächtliche Unterton berechtigt, mit dem bis heute der Verkauf des Rathauses für ein Kaufhaus angeprangert wird? Ohne Zweifel bringt ein Kaufhaus (heute Karstadt) in die Innenstadt mehr Leben und Bewegung als ein Verwaltungsgebäude, gerade nach Dienstschluss der Behörde und an Sonnabenden. 1964 war der Abriss des Komplexes am Holm voll im Gang. Mit der Entscheidung für das heutige Grundstück am Pferdewasser haben die Stadtväter in den 1960er Jahren allerdings auch „die Stadt“, ihre Verwaltung und ihre Selbstverwaltung, die Ratsversammlung, aus der Mitte Flensburgs zurückgezogen– und damit auch aus dem Bewusstsein vieler Bürger.

Als die Einwohnerzahl Flensburgs nach der Einverleibung in den preußischen Staat anstieg, war das Rathaus (auf dem Grundstück der heutigen Rathausstraße) zu klein für die wachsenden Aufgaben. Und der neue Sitz der Stadt? Die Stadtväter brauchten nicht weit zu blicken. Nur wenige Meter weiter nach Süden, am Holm, fand sich die Lösung: Dort standen alte dänische Regierungsgebäude, Gericht und das Ständehaus – ursprünglich ein großer Kaufmannshof. Die dänische Regierung hatte ihn 1850 für 90  000 Goldmark von Kaufmann Frieder Mommsen gekauft, die Stände des dänischen Herzogtums Schleswig fassten dort ihre Beschlüsse. Direkt am Holm standen die Häuser, in denen das Ministerium für das Herzogtum Schleswig regiert hatte. Baumeister Laurids Albert Winstrup hatte einem der Gebäude (Holm 7) noch einen prachtvollen Giebel verpasst. Winstrup kreierte einen großen Mischmasch der Formen zum Holm hin. Kenner entdeckten italienische und griechische Formelemente, der Baumeister hatte sich von seinen Fahrten in den Süden fröhlich inspirieren lassen. Die Zeit als Regierungsgebäude war mit dem deutsch-dänischen Krieg und dem Sieg über die Dänen 1864 zu Ende. Der preußische Finanz-Fiskus hatte an dem Komplex kein Interesse mehr und verkaufte ihn der Stadt. Die Chronik berichtet, dass die Stadtväter nicht unbedingt mit ihrer Erwerbung zufrieden waren, als sie 1883 einzogen.

Sie murrten durch die Jahrzehnte, und je größer die Stadt wurde, desto mehr wuchs die Verwaltung – aber nicht das Rathaus. Etliche Dienststellen wurden schrotschussartig in der Stadt verteilt. Baupläne für ein neues Rathaus kamen in den 1920er und 1930er Jahren auf. Ein Entwurf aus den 1930er Jahren sah ein prachtvolles Rathaus mit starken Anleihen am Hamburg vor. Bauplatz an der Hafenspitze. Pech für Flensburg: Der Zweite Weltkrieg machte die Pläne zunichte.

 


Stadt wollte Neubau


 

Nach dem Krieg fegte das Wirtschaftswunder durch die Stadt. Sie sollte modern werden, koste es , was es wolle. Und es kostete sie einige markante Züge in ihrem historischen Gesicht, das wie durch ein Wunder nicht von Bomben verwüstet worden war. Der neuen Zeit wurde der alte Staatsbahnhof geopfert, der mit seinen Türmchen ein gelungener Abschluss der prachtvollen Rathausstraße war und einen gelungenen Kontrapunkt zum Städtischen Museum an ihrem anderen Ende setzte.

Wieder wuchsen die Stadt und ihre Verwaltung – aber nicht ihr Haus. Das war die Zeit, sich von dem alten Kasten zu trennen. Damals entdeckte der Hertie-Konzern Flensburg als Entwicklungsland. Durch Beauftragte vor Ort ließ der Konzern sondieren, ob Chancen für einen Grunderwerb in bester Lage bestanden. Das Interesse der Stadt an einem Rathaus-Neubau traf sich mit den Kaufabsichten des Konzerns. In der Ratsversammlung kam in Gang, was von vielen Flensburgern heute noch mit ebenjenem verächtlichem Unterton kommentiert wird: Der Verkauf des Rathauses für ein Kaufhaus.

Aber die Ratsherren waren der Meinung, die richtige Entscheidung zu treffen. Ein kleiner Widerstand aus der Gruppe der Einzelhändler, die neue Konkurrenz fürchteten, wurde energisch vom Tisch gewischt. Ein Kaufpreis von drei bis vier Millionen Mark, der in Aussicht stand, und der Gedanke, mit einem Rathaus-Neubau ein Zeichen im Stadtbild zu setzen, beflügelten den Rat. Die Entscheidung fiel für den Verkauf.

Den unabwendbaren Verlust an historischer Bausubstanz vor Augen, begann bei einigen Flensburgern dann doch noch ihr Herz für das alte Rathaus zu schlagen. Die damalige Museumsdirektorin Dr. Ellen Redlefsen veranlasste, dass einige besonders schöne Stuckdecken aus verschiedenen Sitzungssälen in einer mühseligen Aktion geborgen und im Städtischen Museum eingebaut wurden. Stadtbaurat Baumgarten selbst hatte die Idee, den schönen Winstrup-Giebel Stück für Stück abbauen und für eine spätere Wiederverwendung einlagern zu lassen. Dem Hertie-Konzern erschien die Aktion als zu teuer, aber nach einer kurzen Auseinandersetzung setzte Baumgarten sich durch: Der Giebel wurde gesichert, als die Abbruchbagger schon in Stellung gegangen waren. Die Ratsversammlung tagte am 14. Mai 1964 zum letzten Mal im alten Haus, und Stadtpräsident Dr. Leon Jensen sagte: „Wir haben uns sehr wohl gefühlt.“

Und das neue Rathaus? Auf der Suche nach einem Grundstück machten die Stadtväter vielleicht einen der größten Fehler in der Flensburger Geschichte. Sie nahmen das Rathaus heraus aus der Stadt. Eine wenig attraktive Senke am Südrand der Innenstadt wurde der Holzhandlung, die sich dort niedergelassen hatte, abgekauft. Jetzt zählten nicht mehr der Proporz zwischen den beiden wichtigen Kirchengemeinden, und Repräsentativität galt für die Stadt ja seit knapp hundert Jahren nicht mehr. Jetzt hätte die Stadt ein Zeichen setzen können, doch jetzt galt Pragmatismus.

 


Bürgerfest zur Einweihung


 

Ein Architektenwettbewerb zeigte den Ratsherren, wie das neue Rathaus aussehen konnte. Ein Hochhaus mit 13 Stockwerken und damit höher als der benachbarte Turm der Nikolaikirche, bot genug Platz für die Verwaltung und war ein Symbol der modernen Zeiten. Der Bau begann am 22. November 1961. Einweihung feierten die Flensburger am 10. April 1965 mit einem Bürgerfest.

Irgendwann kam die Erinnerung auf an den geretteten Giebel des alten Rathauses am Holm. Die Nachforschungen zeigten, dass die Flensburger gründlich mit ihrer Geschichte aufgeräumt hatten. Der Landwirt aus der Flensburger Umgebung, in dessen Scheune die Teile eingelagert waren, fragte eines Tages bei der Stadt an, ob sie das Material noch nutzen wolle. Ihm fehle es an Platz, und er würde die Scheune gerne verwenden. Einige Mitarbeiter der Stadt kamen, besahen sich die Reste und erklärten: Keine Verwendung. Der letzte Rest des Rathauses am Holm wanderte in eine Schuttkuhle in Angeln. Dort liegt er heute noch.

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