Ein gewaltiges Seelendrama

Tom Hardy spielt einen Mann, der sich mit allen Kräften bemüht, sein Leben im Griff zu behalten

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17. Juni 2014, 17:13 Uhr

Ein Mann als einsamer Kino-Held – das Bild ist aus Western, Krimis und Actionfilmen bereits bekannt. Egal, ob etwa Tom Hanks in „Cast Away“ allein auf einer kleiner Insel ums Überleben kämpfte oder Robert Redford in „All is Lost“ auf hoher See nur sein kaputtes Segelboot hatte. An diese Idee, sich nur auf eine Figur zu konzentrieren, knüpft nun auch das atemberaubende Thriller-Drama „No Turning Back“ an.

Regisseur Steven Knight und sein herausragender Hauptdarsteller Tom Hardy zeigen darin eindringlich, dass auch ein ernstes Charakterdrama mit nur einem Darsteller ungemein fesseln kann. Nur selten entfachte ein Ein-Mann-Stück wohl solch eine intensive Wucht. Der Konflikt, um den sich im Spielfilm „No Turning Back“ des britischen Regisseurs Steven Knight alles dreht, mutet zunächst banal an: Bauingenieur Ivan Locke (Tom Hardy) ist im Suff fremd gegangen.

Da er der Schwangeren versprochen hat, bei der Geburt des Kindes dabei zu sein, rast der bisher treu sorgende Familienvater Richtung London. Weder seine Frau, noch seine zwei Söhne, noch Kollegen und Freunde wissen bisher Bescheid. Während der Fahrt versucht Ivan, sein Leben per Telefon im Griff zu behalten. Die Intensität des Films resultiert zum einen daraus, dass Regisseur Steven Knight sein eigenes Drehbuch mit einer geradezu antik anmutenden Wucht in den zugespitzten Dialogen aufgeladen hat. Für die Hauptfigur geht es wirklich um Leben und Tod. Zum anderen sorgt die fiebrige Präsenz des alleinigen Darstellers Tom Hardy für eine enorme Intensität.

Der als Batman-Gegner in „The Dark Knight Rises“ berühmt gewordene Tom Hardy hat ein Charisma und Können, das es ihm tatsächlich ermöglichte, sein Publikum mit dem Aufsagen eines Telefonbuchs in Bann zu schlagen. Es ist schlichtweg umwerfend, wie der britische Schauspieler als einsamer Mann hinter dem Steuer mit Hilfe eines Mobiltelefons ein schier gewaltiges Seelendrama entfesselt. Er ist dabei tatsächlich völlig allein. Die anderen Figuren hört man nur als Stimme. Doch Hardy (36) könnte wohl mit einem Wimpernschlag die Welt erklären.

Thriller wie „Buried – Lebendig begraben“ und „Nicht auflegen!“ beziehen ihren Nervenkitzel in hohem Maß aus tatsächlicher oder vermuteter Lebensgefahr der Protagonisten. Auch jüngst „All is Lost“, mit dem überragenden Robert Redford in der Hauptrolle, baute mit auf solcherlei Thrill. „No Turning Back“ allerdings verzichtet darauf. So wird das persönliche Dilemma zum grundsätzlichen Existenzkampf von philosophischer Dimension.

Im Zentrum des Films steht die Frage, ob ein Mensch wohl wirklich jemals über sich hinauswachsen kann. Da wohl nahezu jeder Zuschauer schon einmal im Leben mit dieser Frage konfrontiert wurde, können sich sicher viele im Publikum mit Ivan identifizieren. Verstärkt wird das dadurch, dass dessen Versuche, das Richtige anzuschieben, oft zu Krisen führen. Auch dies eine Erfahrung, die viele teilen dürften. Kein Wunder, dass man das Kino mit Schweißperlen auf der Stirn und pochendem Herzen verlässt.

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