Betrügerische Verkaufsveranstaltung : Ein Geschenk, das 4000 Euro kostet

Ende der Verkaufsveranstaltung: Die Inkognito-Ermittelnden von Polizei und Ordnungsamt geben sich vor den ominösen Porzellan-Verkäufern zu erkennen.  Foto: Merle Wahlen
Ende der Verkaufsveranstaltung: Die Inkognito-Ermittelnden von Polizei und Ordnungsamt geben sich vor den ominösen Porzellan-Verkäufern zu erkennen. Foto: Merle Wahlen

Eine französische Porzellanfirma legt dubiose Verkaufspraktiken an den Tag. Polizei und Ordnungsamt haben inkognito ermittelt - und eingegriffen.

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02. April 2012, 10:38 Uhr

Flensburg | "Messieurs dames, wer findet dieses Geschirr nischt auch wunder-übsch? Bitte die And eben!" Zwölf Arme schießen in die Höhe. Die Interessierten stehen an einem etwa zehn Meter langen Verkaufstisch, hinter dem auf Regalen Porzellan ausgestellt ist. Scheinwerfer setzen die - gemäß sichtbar aufgestelltem Zertifikat - hochwertigen Teller, Tassen und Saucieren mit verschiedenen Dekoren in Szene. Goldrand, Mohnblumen, Blumenmuster, alles dabei. "Unser besonderes Bonbon: Einer Person schenken wir ein ochwertiges Service im Wert von 14.000 Euro ", dolmetscht Herr Monterey seinen Französisch sprechenden Verkaufskollegen von der Porzellanmanufaktur "Porcelaine Française de Limoges" im Konferenzraum eines Flensburger Hotels. Ein Raunen geht durch das Publikum. In rasantem Tempo umschwärmen die beiden Vertreter Freitag Nachmittag ihre Produkte, die "nur aus bestem Material" und "anddekoriert" seien. Besonders zwei ältere Damen zeigen sich begeistert. Als Bedingung fordern die beiden Franzosen: "Sie müssen mir zeigen, dass sie es wirklisch schätzen."
Wie ein Oberlehrer beginnt der beleibte Chef-Verkäufer mit gegelten Locken seine Fragestunde. Nach und nach sortiert er mit einem leicht unterkühlten "Au revoir" Gäste aus, die ihr Herz seinem Eindruck nach "nischt genug erwärmen können". Doch wer fleißig seine Hand hebt, darf bleiben. Seine Erklärung: Wenn die Firma jemandem ein so teures Service erster Wahl schenken würde, solle derjenige es auch entsprechend behandeln und nicht auf dem Flohmarkt verscherbeln. Das sei keine gute Werbung.
Durch Initialen zum Familienschatz
Dann die entscheidende Frage: Wer wäre denn auch bereit, als Zeichen der Wertschätzung seine Initialen auf die Teller aufbringen zu lassen? Lange Zeit vorher wurden die Kosten für diese goldige Veredlung genannt: knapp 4000 Euro. 14 Sekunden säße ein Mitarbeiter an einem Teller, um die Goldbuchstaben aufzutragen. "Doch erst die Initialen machen das Service zu einem Familienschatz, dessen Wert nicht so schnell verfliegt wie der eines Autos", versichert der Verkäufer ausreichend oft.
Ursula Seidel ist schließlich die Auserwählte. Als Monterey das Service Nummer 26, nach seinen Angaben 14.000 Euro wert, vor ihr auf den Tisch stellt, findet sie kaum die Sprache. "Nein, ehrlich geschenkt? Das glaube ich nicht!" Nun muss sie nur noch den Vertrag unterschreiben.
"Was Sie hier machen, ist doch Betrug"
Ein Herr, der sich als Ingo vorgestellt hat und in Begleitung seiner Gattin Brigitte erschienen ist, setzt mehrmals zu einer Frage an. Als die beiden Verkäufer ihn nicht zu Wort kommen lassen, wird es plötzlich laut. "Was Sie hier machen, ist doch Betrug", schreit Ingo, der eigentlich Bernhard Stitz heißt und Flensburger Polizeikommissar ist. "Sie tun hier so, als würde die Dame etwas geschenkt bekommen - eigentlich muss sie aber 4000 Euro für die Initialen zahlen."
Als die Verkäufer zu Erklärungsversuchen ansetzen, ruft Stitz per Handy seine Kollegen von der Kriminalpolizei hinzu, die sich in der Nähe der Veranstaltung aufgehalten haben. Denn den Inkognito-Einsatz haben Stitz und das Ordnungsamt gemeinsam geplant, nachdem bereits in mehreren deutschen Städten dubiose Verkaufspraktiken und der Verdacht auf Betrug hinsichtlich der Qualität des Porzellans der Firma laut geworden waren. Doch die beiden Verkäufer wehren ab. "Von andbemalt war nie die Rede, anddekoriert aben wir gesagt", erklärt Monterey. "Man zahlt eben den Namen." Und sie haben Erfahrung mit Klagen: Mehrere Anzeigen gebe es bereits, die meisten Gerichte hätten die Verfahren aber wieder eingestellt. "Wir machen nichts Kriminelles."
"Das ist eine rechtliche Grauzone"
Das sieht die Kripo anders: "Wir stellen Strafanzeige wegen Verdachts auf Betrug", erklären die Beamten und nehmen Teller und Vertrag als Beweismittel an sich.
Ursula Seidel ist schockiert. "Ich hatte mich so gefreut und hätte das wohl unterschrieben", sagt die 68-jährige Flensburgerin. "Allerdings wusste ich nicht, dass ich die 4000 Euro direkt zahlen sollte, der Verkäufer sagte ja erst etwas von Raten."
Kommissar Stitz befürchtet: "Erstmal werden die wohl weitermachen. Das ist eine rechtliche Grauzone." Ein kleiner Erfolg aber: Die zweite Veranstaltung wurde abgesagt.

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