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Flensburg-Jürgensby : Ein gelber Gorilla spielt die Solotrompete

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Heute endet die Leiß-Ausstellung in der St.-Jürgen-Kirche mit einer Abendandacht um 17 Uhr

Der Flensburger Künstler Hans-Ruprecht Leiß hat biblische Geschichten in Bilder umgesetzt. Immer mit Hintergedanken und immer mit Anspielungen auf Flensburg. Das Bild „Die Trompeten von Jericho“ ist eine der 40 gemalten Geschichten, die in der St.-Jürgen-Kirche gezeigt werden. Titel: „In der Bibel unterwegs“. Am Dienstagabend endete die Ausstellung mit einer Andacht um 17 Uhr.

Die Trompeten von Jericho, die das Flensburger Rathaus umkreisen – Hans-Ruprecht Leiß hat seine Gedanken beschrieben, die dem Bild zu Grunde liegen:

Wie man mit Widderhörnern Mauern zum Einsturz bringen kann, ist mindestens eine ebenso berechtigte Frage wie die, was ein gelber Gorilla auf dem Dach eines terracottafarbenen Rathauses verloren hat. Und dann bläst der Kerl auch noch die Trompete oder Fanfare, dass es einem Satchmo und Nils Landgren zur Ehre gereichen würde. Und die Heerscharen am Himmel über Flensburg stimmen auf Teufel komm raus mit ein.

Was für ein Lärm aus allen Rohren wird da entfesselt! Mutter und Kind, Menschen und Tieren schlägt die Kakophonie des himmlischen Bläsersets derart auf die Trommelfelle, dass ein professioneller Gehörschutz unumgänglich zu werden scheint. Derlei Hilfsmittel hat es zu Zeiten Josuas und seiner israelitischen Heerscharen natürlich noch nicht gegeben. Die armen Jerichoten sahen sich hinter ihren properen Mauern und festen Häusern plötzlich einem Gegner ausgesetzt, der bis heute unsere Städte punktuell unbewohnbar macht. Der Mensch unserer Zeit hat im Gegensatz zu den Altvorderen der stillen Zeiten zum Krach und geschäftigen Lärm ein eher schizophrenes Verhältnis. Der Lärm, der Krach bringt ihn um, mindestens um den Verstand. Und doch sucht er ihn auf und genießt ihn scheinbar. Hauptsache, er kommt nicht aus der Stereoanlage des Nachbarn, vom Kinderspielplatz oder vom Rasenmäher seines gartenfetischistischen Nachbarn. Filme im Actionsensurround-modus und Rockkonzerte, Formel-Eins-Rennen und die Begeisterungsstürme der Stadien können nicht laut genug daherkommen. Erst, wenn der Klang so richtig reinhaut, wie der Blitz in die Kesselpauke, erst dann fängt der Spaß richtig an.

Gegen die Trompeten unserer Zeit hätten die Bewohner Jerichos schon gar nicht anmauern können... und die Widderhörner Josuas würden im Vergleich zum Startlärm eines Düsenflugzeugs zu einem armseligen Gehupe zusammenschrumpfen.

Wie kann uns aber die Beschreibung einer uralten und keineswegs im Detail bewiesenen Kriegstechnik derart beeindrucken, dass der gesamte Vorgang auch für heute sprichwörtlich geblieben ist? Wir ahnen beziehungsweise wissen, dass die Bibel mit ihren Geschichten immer geneigt ist, uns Erdenbürgern etwas in die Tasche zu stecken – oder wir ahnen, wie schrecklich es auf den Trümmern zugegangen sein muss, als die Sieger ihre Feste auf Kosten der Bewohner gefeiert haben.

Vielleicht ahnen wir auch, dass man zu hohe Gebäude tunlichst meiden sollte, jedenfalls die oberen Stockwerke. Dass ausgerechnet ein gelber Gorilla als Vertreter einer uns brüderlich verbundenen und doch aussterbenden Spezies die Solotrompete spielt, sollte uns zusätzlich zu denken geben.

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erstellt am 06.Dez.2016 | 11:45 Uhr

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