Ein ganzes Leben für den Bernstein

Kann es nicht lassen: Heinz-Walter Sandeck (83) schleift in seinem Atelier noch immer gerne Bernsteine in die gewünschte Form.  Foto: fmw
Kann es nicht lassen: Heinz-Walter Sandeck (83) schleift in seinem Atelier noch immer gerne Bernsteine in die gewünschte Form. Foto: fmw

83-jähriger Museumsleiter präsentiert in seinen Hallen nicht nur Kunstwerke aus Naturharz, sondern auch außergewöhnliche Haustiere

shz.de von
07. August 2012, 07:00 Uhr

Brebel | Um seinen Hals baumelt ein großes Stück fossilen Harzes. "Ich trage immer einen Bernstein am Körper. Deswegen werde ich nie wirklich krank", sagt Heinz-Walter Sandeck. Untrügliches Zeichen für die Hingabe, mit der der 83-Jährige seit seiner Kindheit das Naturmaterial bearbeitet. Sandecks Bernsteinmuseum in Brebel ist eines von Dreien in Schleswig-Holstein (nächstgelegene Sammlung: St. Peter-Ording). In Brebel stellt er mehr als 700 verschiedene Figuren und andere aus Bernstein gefertigte Gegenstände in zwei Ausstellungsräumen zur Schau. (Hinweis der Redaktion vom 11. Juni 2014: Das Museum ist inzwischen geschlossen.)

Einige Exponate stammen noch von seinem Großvater, der ebenfalls Bernsteinschleifer war. Von ihm lernte der junge Sandeck einst, wie man schweres Equipment, etwa eine Fräse, richtig bedient. Schnell begeisterte sich der gelernte Kellner für das gold-braun schimmernde Harz und kreierte seine ersten Bernstein-Werke. Später schliff er sogar kleine Tierfiguren - zum Beispiel einen Löwen, der nur einen Zentimeter groß ist. Es geht aber noch ausgefallener: "Hier haben wir ein wahres Wunderstück", betont Sandeck, als er auf einen kleinen braun gefärbten Bernstein zeigt. "Als ich den das erste Mal gesehen habe, musste ich einfach laut schreien." Seine Freude galt den im Harz eingeschlossenen Ameisen. Ein echter Glücksfund, denn ein Bernstein mit nur einer Ameise würde bereits 400 Euro kosten, erklärt der Bernsteinschleifer. Er meint, dass diese Insekten über 50 Millionen Jahre alt sind. Verkaufen will er den Stein auf keinen Fall. So etwas "bekomme ich schließlich nie wieder". Dass sich Insekten in dem harzigen Material verfangen, ist freilich keine Seltenheit. Das zeigt schon die kleine Kollektion, die in zwei an der Wand hängenden Holzkisten im Ausstellungsraum des Erdgeschosses zu sehen ist. Dabei muss der Besucher durch lupenähnliche Bullaugen schauen, um die unterschiedlichsten Insekten in ihrem klebrigen Grab zu betrachten.

Das sind aber nicht die einzigen Tiere, denen die Besucher auf dem Museumsgelände begegnen können. Pfau "Cleo" etwa, dessen Federpracht allein einen Blick wert ist, stolziert herum. "Manchmal kommt er auch ins Haus herein, aber nur ein paar Schritte", berichtet der Museumsbesitzer. Eine Henne gibt es auch noch, aber sie ist seltener im Haus. Katze "Rebecca" dagegen - mit ihren 21 Jahren fast so alt wie das Museum selbst - sucht sich gerne ihr Plätzchen in der alten Ruruper Wassermühle, die Sandecks Museum beherbergt.

"Wann genau ich das Museum eröffnet habe, weiß ich selbst nicht mehr", meint Sandeck. Gekauft aber hat er das Gebäude vor über 25 Jahren. Das Haus selbst ist noch viel älter und stammt wohl aus dem 16. Jahrhundert. Auch an alle Figuren und Gegenstände, die er aus dem in alten Zeiten extrem wertvollen Harz fertigte, kann sich der alte Bernsteinschleifer nicht mehr erinnern. Doch zum Glück vergisst seine Sammlung nicht. Denn darin sind fast alle Kuriositäten vertreten, die Sandeck jemals aus Bernstein hergestellt hat: Ketten, Ohrringe, Armreifen und Broschen können im Erdgeschoss zunächst bestaunt und im oberen Geschoss dann erworben werden. Außerdem veredelte der Künstler viele Alltagsgegenstände mit seinem geliebten Naturprodukt. In Sandecks Bernsteinwelt gibt es Pfeifen, Baby-Schnuller und sogar ein großes Schachbrett samt Figuren.

Auch heute widmet sich Sandeck noch allzu gern seiner Leidenschaft; für so manches fehlt ihm allerdings inzwischen die Fingerfertigkeit. "Ich arbeite noch immer gern mit der Lupe", sagt er, "aber die wirklich kleinen Dinge mache ich nicht mehr". Sein Hauptaugenmerk liegt zurzeit sowieso auf der Suche nach einem Nachfolger, denn noch gibt es niemanden, der das Museum nach seinem Abschied weiterführen würde. "Bisher wollten alle Interessenten nur den Wohnraum kaufen und das Museum schließen", erzählt Sandeck. Das will er aber nicht. Lieber ließe er das Gebäude verkommen, als daraus Mietwohnungen zu machen.

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