Ulmenallee-Prozess : Ein entspannter Täter gibt Rätsel auf

Spurensicherung im Einsatz: Polizeibeamte durchkämmten am Tag nach der Tat Wohnung und Umgebung. Die Tatwaffe fanden sie nicht. Foto: Iwersen
Spurensicherung im Einsatz: Polizeibeamte durchkämmten am Tag nach der Tat Wohnung und Umgebung. Die Tatwaffe fanden sie nicht. Foto: Iwersen

Erst Totschlag, dann freundliche Kommunikation. Das Nachtat-Verhalten des wegen Totschlags angeklagten Ylmaz G. gibt Rätsel auf. Und seine Freundin erfand drei Unbekannte.

Avatar_shz von
17. Oktober 2012, 09:05 Uhr

Flensburg | Diese eine Frage stellten sich am Montag alle: Was ging in diesem Menschen vor? Wie kann einer, der seine eigene Mutter denkbar brutal erschlagen hat, so gelassen sein? So sympathisch und so freundlich. So kooperativ und verbindlich. Ylmaz G. gibt den Prozessbeteiligten vor der 1. Großen Kammer Rätsel auf. Die Vernehmung der Polizeibeamten, die unmittelbar nach der Tat in der Ulmenallee am 8. März mit dem Angeklagten und seiner Freundin Kontakt hatten, trugen am weiteren Prozesstag mehr dazu bei, dieses Rätsel zu vertiefen.
Der junge Schutzpolizist, der an jenem Donnerstagabend zum Tatort gerufen worden war, hielt G. zunächst für einen Nachbarn. "Ich denke, ihr müsst da hin", habe G. zu ihm gesagt und auf die Wohnung im 1. Geschoss des Mehrfamilienhauses gewiesen. Das war draußen auf dem Hofplatz. So gegen 22.30 Uhr, und gut zwei Stunden, bevor der 33 Jahre alte Türke vom Augenzeugen zum Beschuldigten wurde. Der Beamte bekam sein Erstaunen im Rückblick. Aus der Rückschau, dass dieser emotional so unbeteiligt wirkende Mensch in Wahrheit der Täter war. Der Beamte sah die Freundin des Angeklagten aufgelöst, fassungslos und tränenüberströmt. Aber Ylmaz G., "der wirkte so, als habe er das alles nur im Fernsehen gesehen."
Geschichte von drei Männern in schwarz
Das war nicht das einzige Befremden, das die Beamten vom Tatort mit auf die Wache des 1. Revieres nahmen. Die Freundin des Türken, die Frau, die Ylmaz G. nach dem Blutrausch anrief und in die Ulmenallee bestellte, schaffte es fast, eine 31-jährige Beamtin davon zu überzeugen, dass die 67 Jahre alte Frau von drei Unbekannten getötet worden war. "Sie hat diese Geschichte so glaubhaft und so voller Details erzählt", erinnert sich die Polizistin. "Als wolle sie es unbedingt loswerden." Immer wieder die Geschichte von den drei Männern in schwarz. Der mit dem angerissenen Handschuh. Und der andere, der mit den weißen Turnschuhen und den beige-farbenen Sohlen. Der angeblich gesagt hatte: "Wenn ihr die Polizei ruft, geschieht mit euch das Gleiche wie mit ihr."
Das alles habe sie zu Anfang geglaubt, erzählt die Beamtin. Ungefähr eine halbe Stunde lang, bis sie im nicht zu bremsenden Fluss des Wiederholungen Sprünge und Widersprüche erkannte. Am Ende fiel alles als Lügengebilde zusammen, aber, räumt die Polizistin ein, es sei sehr intelligent vorgebracht worden.
Reanimationsversuche - fünf Stunden später
Ein Lügengebäude vielleicht deshalb, weil es schwer zu erklären ist, wie jemand mehrere Stunden mit einer übel zugerichteten Leiche in einem Zimmer verbringt. Der Todeszeitpunkt lässt sich ziemlich genau auf die Spanne zwischen 17.26 und 17.36 Uhr datieren. Der Rettungsdienst wurde erst um 22.22 Uhr alarmiert. Als die Helfer eintrafen, fanden sie die 18-Jährige bei der blutüberströmten Leiche. Die junge Frau versuchte tatsächlich, das Opfer zu reanimieren.
Wenigstens erkannten die Beamten und Helfer bei der Frau emotionale Reaktionen. Zittern. Schweiß. Tränen. Flatternde Nerven. Zeichen, dass die Seele nicht verarbeiten kann, was die Augen gesehen haben. Aber Ylmaz? "Erstaunlich ruhig. Fast abgeklärt", sagt der Kripobeamte, der den Täter um 2.45 Uhr in der Nacht vernehmen sollte. "Er war freundlich und total zugänglich. Dabei muss das, was sich an der Ulmenallee abgespielt hat, grausam und einschneidend gewesen sein."
Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen