Flensburg : Ein Denkmal, das keiner will

Mahnung im Hinterhof: Claus Kühne mit dem vor 18 Jahren hergestellten Denkmal. Foto: Staudt
Mahnung im Hinterhof: Claus Kühne mit dem vor 18 Jahren hergestellten Denkmal. Foto: Staudt

Sie desertierten, um sich Kriegsverbrechen zu widersetzten. Jenen Soldaten wurde ein Denkmal gesetzt. Seit 18 Jahren steht es in einem Hinterhof. Die Initiatoren hoffen auf eine neue Chance.

shz.de von
09. Februar 2012, 08:42 Uhr

Flensburg | Flensburgs am besten verstecktes Denkmal steht in einem Hinterhof an der Schleswiger Straße. Genauer: Hinter einer Ecke dieses Hinterhofs: Nicht einmal ein Spaziergänger, der sich zufällig in den Hof verirrt, würde es entdecken. Dabei ist das zwei Meter hohe Marmorrelief, das einen Soldaten mit zerbrochenem Gewehr zeigt, eigentlich gar nicht zu übersehen. Doch das Denkmal für Deserteure, die sich Kriegsverbrechen widersetzten, ist im Hof von Claus Kühne mittlerweile drauf und dran, volljährig zu werden. Seit fast 18 Jahren lehnt das Relief von Miloudi Assila an diesem Schuppen. Der marokkanische Künstler hat seine Flensburger Werkstatt lange aufgegeben.
Wieso Kühne dem Mahnmal Asyl gewährt hat? Der Kaufmann im Ruhestand gehörte zu der aus der Friedensbewegung entstandenen Flensburger Gruppe "Christen für die Abrüstung", die das Denkmal 1994 in Auftrag gab. Die rund 12.000 Euro teure Arbeit war seinerzeit bestellt worden, nachdem die SPD im Rat ihre Zustimmung signalisiert hatte, das Deserteurs-Denkmal in der Stadt aufzustellen und zumindest schon die kleine Grünen-Fraktion den Beschluss mittragen wollte.
"Plötzlich standen die Grünen alleine mit dem Antrag da"
Doch dann müssen wohl die Bedenkenträger in der SPD die Überhand gewonnen haben, wie Kühne sich erinnert: "Plötzlich standen die Grünen ganz allein da mit dem Antrag, der ursprünglich von der SPD kam." Es gab jedenfalls eine engagierte Diskussion darüber, ob man für Deserteure ganz generell ein Denkmal aufstellen dürfe, also für jeden Fahnenflüchtigen: "Dann ist ein Arbeitskreis gegründet worden, wie man das eben so macht, wenn man nicht mehr weiter weiß", sagt Uwe Lorenzen von den Grünen, heute dienstältester Ratsherr. Die Diskussion nahm jedenfalls den erwarteten Fortgang - sie verlief im Sande.
Stadt-Sprecher Clemens Teschendorf wies am Dienstag daraufhin, dass sich damals auch die Kunstkommission der Stadt mit der Deserteursfrage und der potentiellen Standortfrage beschäftigt habe - ohne positives Ergebnis für das Mahnmal. Heute, fast 20 Jahre später, wird über das Deserteursdenkmal viel weniger angestrengt diskutiert. "Es wurde ja präziste geäußert, dass es solche Deserteure gemeint sind, die sich verbrecherischem Handeln widersetzen", sagt der Sprecher der Stadtverwaltung. Auch sei die Bundeswehr nach Teschendorfs Recherchen aufgeschlossener gewesen als seinerzeit manches Ratsmitglied. Und wenn aus dem Umfeld der vielbeachteten Ausstellung in der Bürgerhalle über die NS-Militärjustiz jetzt ein neuer Denkanstoß komme? Dann müsse der Weg nicht über die Verwaltung, sondern über die Politik eingeschlagen werden.
"Wir wollen eine Gedenkstätte für alle Opfer"
"Die Stadt weigert sich seit 1994, dem Deserteurs-Denkmal einen öffentlichen Platz zu geben. Angeblich gibt es keinen speziellen Bezug zu Flensburg", kritisiert dagegen Helmreich Eberlein, einer der Initiatoren von damals. "Flensburg als letzte Reichshauptstadt trägt eine besondere Verantwortung", findet auch Claus Kühne.
Die Befürworter der Aufstellung des Denkmals, für das zum Beispiel als Standort der I.C.-Möller-Platz vorgeschlagen wird, wollen das Erinnern bewusst nicht auf die Zeit der Nazi-Diktatur beschränken. "Noch heute werden Deserteure zurückgeschickt", sagt Kühne. Man müsse sich nur an Serbien oder den Tschetschenien-Krieg erinnern. Kühne: "Wir wollen eine Gedenkstätte für alle Opfer."

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