Rarität : Ein Blick aufs Unwiederbringliche

Am Nordermarkt: Historisches Flensburg
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Am Nordermarkt: Historisches Flensburg

Die Stadtrose und ihre Motive zeigen Flensburg auf dem Weg in die Moderne. Ein Zeitalter wechselt das Tempo.

shz.de von
07. November 2013, 08:03 Uhr

Ein Flensburger Sammler sprach die frühere Leiterin des Schifffahrtsmuseums, Jutta Glüsing, wegen eines seltenen Fundstücks aus seiner Sammlung an. Von der Stadtrose hatte sie zwar gehört, allerdings noch nie eine in Händen gehalten. In einer kleinen Serie für das Tageblatt stellt Jutta Glüsing – heute zum letzten Mal – die Flensburger Stadtrose und ihre Bestandteile vor.

In der Annahme, dass diese Flensburger Stadtrose gegen 1860 in den Umlauf kam und dieses hier beschriebene Exemplar den Weg nach Sonderburg auf der Insel Alsen fand, ist die Frage durchaus berechtigt, welche Außenwirkung Flensburg damals erzielen wollte?

Natürlich wurden die mittelalterlichen Kirchen und Marktplätze aus der Zeit der Stadtgründung berücksichtigt. Selbstverständlich auch die Schiffbrücke als Hauptschlagader der traditionellen maritimen Wirtschaft und als Relikt der Dänenherrschaft die Duburger Schlossruine.

In dieses kleine, etwas rückständige Universum brach ab 1850 die Moderne hinein. Hier und dort in der Altstadt, aber auch vor den Toren, so vermittelt es diese Stadtrose, wird Fortschritt sichtbar.


Eisenbahn, Lateinschule, Gaswerk

Flensburg als Hauptstadt des Herzogtums Schleswig bekam ein Parlamentsgebäude – das Ständehaus – eine neue Lateinschule für eine bessere Ausbildung. Das Gaswerk in der Neustadt illuminierte ab 1854 die Straßen zu regelmäßigen Zeiten. Und die Eisenbahn erschloss dem Städter das Umland, dem Gast dagegen wurde die Anreise erleichtert. Ganz abgesehen vom Warenumschlag, dem die einsetzende Dampfschifffahrt ein neues Tempo vorgab.

Doch die Stadt vermittelte dem Besucher durchaus noch das Bild einer fußläufigen Stadt. Es entfaltete sich geradezu ein reges Treiben auf den Straßen. Viele Passanten waren unterwegs, auch zu Pferde und in Kutschen. Nun wurden die Menschen mit einem umwälzenden Verkehrsmittel und dessen Geschwindigkeit konfrontiert. Das „Dampfross“ bahnte sich seinen Weg durch die Stadt, um … Stunden später Husum beziehungsweise Tönning an der Nordsee zu erreichen. Die Welt wurde damals schneller, das Tempo nahm zu. In der Bewegung erlebten die Fahrgäste Landschaften und Städte auf eine neue Art. Diesem Phänomen einer neuen Wahrnehmung versuchte die Stadtrose nachzukommen, indem sie die vielen kleinen Ansichten für den Betrachter erst in der Rotation, also im Drehen der Grafik, erlebbar machte.

Doch zurück nach Flensburg als einem konkreten Ort auf der Landkarte von 1860 und seiner optischen Widerspiegelung in einem für den Städtetourismus entwickelten Produkt, das bewusst auf eine bestimmte Projektion der Stadt zielt.

Diese Stadtrose öffnet uns die Augen für ein Stadtbild, das so nicht mehr wahrgenommen werden kann. Längst sind viele Bauten der 1850er Jahre verschwunden. Auf diese Weise kann diese Grafik, die uns Einblicke in die urbane Selbstinszenierung kurz vor 1864 gibt, auch als ein historisches Zeitdokument gesehen werden. Eine Momentaufnahme – unwiederbringlich! Mit der Übernahme ins Deutsche Reich begann auch für Flensburg eine neue Epoche.

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