150 Jahre Flensburger Tageblatt : „Ein Bahnhof als Kunstwerk“

„Schönster Bahnhof Norddeutschlands“ wurde der Neubau zur Einweihung gelobt.
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„Schönster Bahnhof Norddeutschlands“ wurde der Neubau zur Einweihung gelobt.

Mit großem Jubel wurde 1927 die Einweihung gefeiert – der große Mühlenteich wurde für den Neubau mit gewaltigen Erdmassen zugeschüttet

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18. Juni 2015, 16:48 Uhr

Er hatte alle Bestandteile eines Großprojekts von heute: Der Zeitplan wurde nicht eingehalten, die Einschätzung der Baukosten lag daneben und Pannen gab es auch. Trotzdem waren die Flensburger hellauf begeistert, als am 1. Dezember 1927 der neue Bahnhof eingeweiht wurde: „Dass ein Bahnhof so aussehen könnte, hätte man sich in Flensburg nicht träumen lassen!“

Tatsache war: Der Zustand der Eisenbahn in Flensburg war völlig unbefriedigend. Die Bahn von Süden endete in der Innenstadt (heute: ZOB-Gelände), die Bahn von Kiel hatte ihren Bahnhof am Hafendamm (Kieler Anlagen). Und die Kleinbahnen nach Kappeln und Satrup begannen am Hafendamm (heute Standort Versatel). Der Reisende, der das Umsteigen plante, hatte sich auf eine große Lauferei zwischen den Bahnhöfen einzurichten. Übel für den Betrieb: Jeder Quadratmeter am Bahndamm im Johannisviertel sowie auf dem Hafenostufer und das Bahnhofsgelände selbst war dicht mit Gleisanlagen belegt, für Erweiterungen gab es keine Chance mehr.

1903 kam Bewegung in die Angelegenheit: Eisenbahnpräsident Jungnickel informierte Oberbürgermeister Dr. Todsen über die Absicht, alle „Flensburg berührenden Eisenbahnlinien zusammenzulegen.“ Der Staatsbahnhof und auch der Kielser Bahnhof („von der traurigen Gestalt“) seien Kopfbahnhöfe und bräuchten dringend Entlastung. Eine Ausdehnung auf dem Gelände am Hafen sei jedoch unmöglich. Der erste Vorschlag war naheliegend: Den Hafen im inneren Winkel zuschütten und dort den neuen Bahnhof anlegen. Der für die Bahn zuständige Minister ließ die Eisenbahndirektion jedoch wissen, dass er keine Bahnhöfe mehr in der Stadt wünsche, sondern eine Anlage im Süden Flensburgs, in der Gegend der Mühlenteiche.

Die Flensburger, insbesondere die Geschäftsleute, protestierten. Die Petition gegen die Ministerpläne trug fast 1900 Unterschriften. Nach zähen Verhandlungen gab es1914 eine Einigung. Die Baukosten wurden auf15 Millionen Mark geschätzt, 14,7 Millionen sollte das Deutsche Reich zahlen. Die ersten Arbeiten begannen, wurden aber wegen des Krieges wieder abgebrochen. Bei Neuaufnahme der Arbeiten nach Kriegsende war von der Fertigstellung 1924 die Rede.

Mit der Zuschüttung des Großen Mühlenteiches, der vom Munketoft bis zur Backensmühle reichte, stand der dickste Brocken des Projektes bevor. Der Teich hatt es in sich: Der Grund dieser von Gletscher-Schmelzwasser mit hohem Druck ausgewaschenen Kuhle lag zwölf Meter unter dem Wasserspiegel der Förde. Gewaltige Erdmassen wurden in den See gekippt – ohne festen Grund zu schaffen. Chronisten berichten über Schlammberge, die sich aus dem Wasser hoben, und Erdschollen, die vom Land abrissen und im Morast versanken. Aber schließlich war der Teich verschwunden. Nur: dieser Untergrund konnte kein Gebäude tragen. Im November 1923 begann das Einrammen von 1600 Pfählen mit 12 bis 18 Metern Länge in den festen Untergrund. Im August 1924 stand dieser Wald aus Pfählen. Auf seinen Spitzen wurde eine gewaltige Eisenplatte verlegt – die Fundament des Bahnhofsgebäudes.

Liefen die Bauarbeiten schon langsamer als gedacht, kam es 1924 zu einer weiteren Verzögerung: Mit gewaltigem Krachen stürzte einer der Bögen der Brücke für die Schleswiger Straße ein. Danach ging es Schritt für Schritt voran: 1926 begannen die Arbeiten am Bahnhofsgebäude, dem Bahnsteigtunnel, Stellwerk und Bahnmeistereigebäude, Ein Jahr darauf die Güterabfertigung, die Bahnsteige und das Wasserwerk. Die Einweihung des Bahnhofes fand am 1. Dezember 1927 statt.

Damit das Gebäude in der kahlen Umgebung einen Blickfang bot, hatte der Architekt einen Trick parat: Er ließ das Dach deutlich steiler und damit höher bauen als notwendig.

Der Jubel über das Projekt war groß. Die Flensburger Nachrichten schrieben; „Der neue Flensburger Bahnhof zählt in seiner Art zu den besteingerichteten Bahnhöfen der Deutschen Reichsbahn und ist, nach einem Ausspruch von Kennern, Norddeutschlands schönster Bahnhof. Der anheimelnde nordische Backstein findet in seinem Inneren in Form und Farbe den harmonischen Gleichklang, der das Ganze zu einem Kunstwerk werden läßt. Ein Wermutstropfen fällt allerdings in den Becher der Freude, weil der neue Bahnhof nicht mehr so bequem für den größten Teil der Bewohner unserer Stadt liegt, wie die bisherigen Empfangsgebäude.“

Für das Problem sucht die Stadt noch heute eine Lösung.

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