Flensburger Hofkultur : Ein Auftakt der Gegensätze

„Salt“ am Abend: Myra Maud hat nicht nur eine große Stimme, sie war auch ein Blickfang zur Hofkultur-Eröffnung.
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„Salt“ am Abend: Myra Maud hat nicht nur eine große Stimme, sie war auch ein Blickfang zur Hofkultur-Eröffnung.

Im Hof des Schifffahrtsmuseums spielten am Wochenende die Gruppen „Salt“ und „Hafennacht“.

shz.de von
20. Juli 2015, 10:02 Uhr

Flensburg „Kulturdurst“ steht über der Preisliste am Getränkestand im Hof des Schifffahrtsmuseums. Der Kulturdurst muss groß gewesen sein in Flensburg, denn allein 600 Karten sind im Vorverkauf weggegangen, und Petuh-Tante Hilke Rudolph hat an der Abendkasse nur noch einen kleinen Stapel im Angebot. Gleich links in der separaten Hofecke gibt es in diesem Hofkultur-Sommer eine Premiere; hier hat Flensburgs Mini-Restaurant „Le Kiosque“ ein Hofkultur-Menü aufgetischt, natürlich nur bei Vorbestellung. Kleine Snacks werden hier auch später noch angeboten.

Doch nicht nur der Kulturdurst ist groß an diesem fast schon stürmischen Juliabend, sondern auch der normale Durst. Immer wieder schleppen die jungen Aushilfen frisch gekühlten Kerner herbei, der literweise über den Tresen geht. Hier, in gebührender Entfernung zur Bühne, herrscht eine Mischung aus gelassener Aufmerksamkeit für die Kultur und großer Bereitschaft zur Kommunikation, denn irgendwie kennt hier jeder jeden und man kommt aus dem Grüßen und Schnacken gar nicht mehr raus. Wer allerdings wegen der Afro-Funk-Caribbean-Jazz-Band „Salt“ in den Hof gekommen ist, der schiebt sich peu à peu nach vorn Richtung Bühne oder hat sich gleich um 19 Uhr einen Sitzplatz weit vorn gesichert.

Die Band – das ist nach wenigen Tönen klar – besteht aus echten Profis, die alles drauf haben: den lockeren Groove, das fetzige schrille Solo, aber bitte nicht zu lang, denn die Leute sind überwiegend zur Unterhaltung hier, und man weiß ja: Jazz kann anstrengend sein. Das ist die Sängerin Myra Maud nun wirklich nicht; sie wuchs in Paris auf, hat Wurzeln in Madagaskar und Martinique, war bei Jan Delay eine „Delaydy“ und hat in dem Keyboarder Lutz Krajensky (u.a. Roger Cicero, Ulrich Tukur) einen kongenialen musikalischen Partner gefunden. Zusammen mit zwei Bläsern, einem Basser und zwei Schlagwerkern bilden sie die Band „Salt“.

Myra Maud bemüht sich rührend um Kontakt mit dem Publikum, animiert es zum Mitsingen, scherzt herum, improvisiert, so dass Krajensky ihr Gewisper mit dem Gesang einer kranken Blattlaus vergleicht. Als die Glocke auf dem Dach des alten Zollpackhauses neun mal schlägt, integriert sie das Geläut in eine Vokalpassage. Nett. Doch irgendetwas fehlt an diesem Abend, und es ist sicher nicht die musikalische Qualität. Vielleicht ist die Musik einfach etwas zu glatt und die gute Laune zu gewollt. Der guten Stimmung im Hof tut das keinen Abbruch.

Gleicher Hof, gleiche Bühne, 22 Stunden später: Wieder steht eine Sängerin auf der Bühne, wieder begleitet von einem größeren Ensemble. Und doch könnte der Unterschied zum Vorabend größer kaum sein. „Hafennacht“ nennt sich das Trio, und die Sängerin ist blond, heißt Uschi und kommt nicht aus Martinique oder Paris, sondern aus Hamburg. Doch auch sie spricht mit dem Publikum, auf eine lässige norddeutsche Art, mit Kunstpausen und Selbstironie. Ihr Gitarrist Erk Braren stammt von der Insel Föhr, der Akkordeonspieler Heiko Quistorf wohnt in Hamburg-Barsbüttel. Das Marea-Streichquartett erweitert den Trio-Sound unaufdringlich. „Die haben alle studiert“, sagt Uschi, als sie die Streicherinnen vorstellt, „auf dem Konservatorium. In Pellworm.“ Uschi singt Lieder, die alle irgendetwas mit der Elbe, der Seefahrt, dem Meer und dem Leben zu tun haben, überwiegend eigene Kreationen, aber auch Klassiker wie „Lili Marleen“, das durch seine Schlichtheit weit weg vom Klischee zu einem wunderschönen Lied gerät, Brecht-Weills „Seeräuber-Jenny“ mit Gänsehaut-Effekt und etwas Französisches, das ganz stark nach „Santiano“ klang. Der Hof ist bei weitem nicht so voll wie am Vorabend, fast alle sind ganz Ohr, und wie es sich für (eine) Hafennacht gehört, ist es auch deutlich frischer. Und: Eine passendere Musik für diesen maritimsten aller Flensburger Höfe kann man sich kaum vorstellen.

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