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Interview mit Flensburgs Uni-Präsidenten : Ein Amerikanist, der an Europa glaubt

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Präsident der Europa-Universität Flensburg zu Trump, der neuen Ministerin und Visionen für seine neue Amtszeit bis 2024.

shz.de von
erstellt am 10.Jul.2017 | 10:20 Uhr

Prof. Werner Reinhart, was sagen Sie als Amerikanist, als Kenner des Landes zum Präsidenten Donald Trump und dem G20-Gipfel in Hamburg?

Ich gehe jede Wette ein, und bislang hat noch keiner dagegen gewettet, dass die Welt zehn Jahre von heute ab gerechnet – und heute war der Tag der Wahl im November 2016 – eine bessere ist, als sie jetzt ist. Ich gehe aber keine Wette ein, dass sie fünf Jahre von heute ab gerechnet eine bessere ist. Ich bin in Kaiserslautern groß geworden, das ist nahe an Ramstein, mit einer hohen Zahl an amerikanischen Soldaten. Ich bin mit dem amerikanischen Selbstverständnis groß geworden. Wenn ich heutzutage lese, Amerika ist gegen den Freihandel, oder wenn wir die Pressefreiheit in Frage gestellt sehen, wenn Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit aufgekündigt werden oder das, was ich demokratischen Anstand nenne, dann macht das natürlich nur fassungslos. Zwei Säulen dieser Uni, die Bildungswissenschaften und die Europawissenschaften, die haben was miteinander zu tun. Ich glaube, dass jedes politische Thema, auch die Wahl Trumps oder der Brexit, versteckt auch ein bildungspolitisches Thema ist. Da haben Bildungsinstitutionen versagt.

Verhält sich Europa richtig?

Ich glaube, dass Europa auf dem richtigen Weg ist.

Zu einer neuen Stärke? Zu einer Renaissance?

Mich hat man schon einige Male gefragt, warum gründet ausgerechnet ein Amerikanist eine Europa-Universität? Amerikanisten haben mich das noch nie gefragt. Gerade weil wir den amerikanischen Traum kennen, wissen wir, wie notwendig der europäische Traum ist als ein Gegenkonzept.

Was sind als Präsident der EUF Ihre Erwartungen an die neue Bildungs- und Wissenschaftsministerin Karin Prien?

Wenn jemand so ein deutliches kosmopolitisches Profil hat, dann erwarte ich auch sehr viel Unterstützung – gerade für das Programm einer Europa-Universität.

Warum waren Sie so pessimistisch im Vorfeld?

In den Wahlprogrammen von CDU und FDP stand, dass wieder die alte Trennung herbeigeführt werden soll: Lehramt an Gymnasien in Kiel und Lehramt an Gemeinschaftsschulen in Flensburg. Es wurde nicht präzisiert, ob das auch Rückbau der Universität Flensburg heißt. Und das hätte natürlich die Aufbruchstimmung völlig kaputt gemacht. Wir haben über 30 neue Kolleginnen und Kollegen an der Universität. Viele dieser Rufe hätten wir nie zustande bekommen, wenn wir nur bis Klasse zehn ausgebildet hätten. Tatsächlich haben wir, was Flensburg angeht, im Moment Hochschulfrieden. Das ist ein hohes Gut.

Hochschulfrieden mit wem?

Bei der Lehrkräfteausbildung ging es vor allem um Kiel. Ich glaube, dass wir im Verhältnis zur CAU (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) die Geschichte der EU nochmal im Kleinen gelebt haben. Wir haben gelernt, dass man viel mehr erreichen kann, wenn man sich auf gemeinsame Werte besinnt. Ich glaube auch, dass wir nicht so erfolgreich gewesen wären in der Erhöhung der Grundfinanzierung, wenn wir getrennt aufgetreten wären.

Jetzt kommt die Frau aus Hamburg. Sie hat einen ganz anderen Blickwinkel darauf. Haben Sie nicht Sorge, dass Sie wie ein Appendix betrachtet werden?

Nein, überhaupt nicht. Ich glaube schon, dass wir das Salz der Hochschullandschaft sind.

Der Rand ist die Mitte?

Selbstverständlich. Wir haben ein ganz spezifisches Profil. Dieses Profil haben wir überführt in Unverwechselbarkeit. Und das wird zur Einzigartigkeit reifen. Wir sind im deutsch-dänischen Grenzland, wir leben Europa, wir sind wirklich eine Europa-Universität mit einem Programm, hinter dem sich – mein Wahlergebnis betrug 80 Prozent – 80 Prozent der Universität wiederfindet, und dafür treten wir ein. Zwischenzeitlich hatte man ja schon das Gefühl, mit der Umbenennung in den Namen Europa-Universität hätte man ein Ticket bei der Titanic gelöst. Der Tod von Helmut Kohl hat so was wie eine Neubesinnung, fast so einen zweiten Gründungsakt Europas eingeleitet. Brexit und Donald Trump sind natürlich auch Gründe dafür, dass eine Neubesinnung einsetzt. In so einer Situation sind wir führend, auch mit unseren Europa-Professuren.

Mit welchem Programm treten Sie ihre neue Präsidentschaft an?

Wir wollen weiteres Wachstum, aber dieses Wachstum soll überschaubar bleiben. Wir haben als Zielzahl die 6000er Marke für Studierende, im Moment haben wir 5300 Studierende. Mit den 4000 von der (Fach)Hochschule ist das auch eine politische Botschaft in die Regionen, in die Stadt hinein. Wir wollen deutlich wahrgenommen werden als Forschungsstandort. Deshalb bauen wir zwei Forschungszentren auf: Eines haben wir schon gegründet, das Europawissenschaftliche Zentrum werden wir im März gründen. Teil des Programms ist auch, dass man uns als die am schnellsten Wachsende im Land nicht allein lassen kann. Und dass man sich nicht auf Dauer mit Containern als Behelfslösung abhelfen kann. Wir brauchen zwei Neubauten – oder einen Neubau und eine Bühne für das neue Schulfach „Darstellendes Spiel“.

Damit kann man glänzen?

Damit kann man glänzen, denn die Warteliste auf Fortbildungen für „Darstellendes Spiel“ beim IQSH (Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein), die liegt, glaube ich, bei zwei Jahren. Deshalb ist dieses Fach wirklich etwas, das uns als Bundesland strahlen lässt. Zuerst geht es uns um das Bundesland, dann geht es uns um die Region, dann an dritter Stelle kommt vielleicht die Universität. Ähnlich mit einer weiteren Inklusionsprofessur. Genauso der europawissenschaftliche Bachelor-Studiengang. Da haben wir Fortune gehabt. Ich habe immer behauptet, es gibt eine junge Generation, die an Europa glaubt. Ganz genau gewusst habe ich es nicht. Wir haben den Studiengang im letzten Wintersemester eingeführt. Dieser Studiengang war sechs Wochen, bevor Bewerbungsschluss war, schon ausgebucht.

Von Kommunalpolitikern hört man, dass die junge Generation nicht auf die digitale Arbeitswelt von morgen vorbereitet wird. Was leistet die Universität dafür?

Ich glaube sogar, dass es ein Merkmal der positiven Distinktion ist, dass wir immer die Praxisorientierung dabei haben. Und wenn wir im Management-Bereich schon den Einstieg haben, in das, was man Service Learning nennt, also dass Studierende ihre Praxisprojekte bei gemeinnützigen Organisationen machen, sich also zivilgesellschaftlich engagieren, dann ist das Vorbereitung für die Arbeitswelt von morgen. Und was die Lehrerbildung angeht: Wir sind die einzige Uni in Schleswig-Holstein, die wirklich ein Praxissemester hat. Uns ist nicht nur wichtig, dass wir junge Leute ausbilden, die die Schule kennen wie sie ist, sondern die auch eine Vision entwickeln können, wie Schule anders sein könnte.

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