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„EigenSinnig“: Neue Anlaufstelle für Menschen mit Behinderung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

shz.de von
erstellt am 02.Apr.2014 | 14:34 Uhr

Die Welt ist nicht barrierefrei. Barrieren lauern überall – und für behinderte Menschen gilt das ganz besonders. Hohe Bordsteinkanten, Kopfsteinpflaster, zu kleine Behindertenparkplätze, Treppen ohne Alternative, „behindertengerechte“ Bauten, die keine sind. Das ist hinlänglich bekannt.

Doch Barrieren sind auch in den Köpfen verankert. Behinderte bekommen soziale Ausgrenzung alltäglich zu spüren. Sie begegnen Menschen, die plötzlich die Straßenseite wechseln, Eltern, die ihre Kinder schnell wegziehen, um ihnen den Anblick zu ersparen – dann wiederum das unsägliche Gefühl, angestarrt oder wie selbstverständlich geduzt zu werden.

Verbale Grenzüberschreitungen, Berührungen bis hin zu handgreiflicher Aggression sind keine Seltenheit. Im Gegenteil. „Behinderte sind dreimal so oft von Gewalt betroffen wie andere“, sagt Angelika Kuhlmann, die zusammen mit ihrer Kollegin Tanja Thiel unter dem Dach von pro familia das Projekt „EigenSinnig“ initiiert hat– es ist einmalig in Schleswig-Holstein. Die neue Anlaufstelle für Erwachsene mit geistiger Behinderung will den Inklusionsgedanken voranbringen, es setzt auf Prävention und Beratung.

An der Marienstraße wird Betroffenen jene Unterstützung zuteil, die sie in ihrer jeweiligen Lage benötigen: Erstgespräche, Gruppenangebote bis hin zu Hilfe bei sexuellen Missbrauchserfahrungen, unter denen behinderte Menschen überproportional zu leiden haben. „Es geht darum, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse artikulieren und lernen, Grenzen zu setzen – aber sie auch selbst zu wahren“, betont Tanja Thiel.

Das Team, das auf drei weitere Mitarbeiter (zwei davon behindert) zurückgreifen kann, organisiert darüber hinaus Fortbildungen für Fachkollegen, Eltern und Bezugspersonen; es werden Übungen zur Selbsterfahrung oder eine gezielte Betreuung für Männer angeboten. Wenn die Situation es verlangt, vermittelt „EigenSinnig“ an niedergelassene Psychotherapeuten. „Wir merken schon jetzt, wie groß der Bedarf ist“, sagt Angelika Kuhlmann.

In Arbeit sind derzeit ein Plakat, das für Werkstätten und Wohngruppen entwickelt wird, sowie ein Handbuch mit umfassenden Informationen, Adressen und Freizeitangeboten. „Wir wollen helfen“, erläutert Tanja Thiel, „die gesetzlich verankerten Rechte behinderter Menschen auch wirklich umzusetzen, deren Eigenständigkeit fördern und Berührungsängste abbauen.“


„EigenSinnig“, Marienstraße 29-31, Tel. 0461-9092646, angelika.kuhlmann@profamilia.de. Das Projekt wird von der Aktion Mensch gefördert.

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