Flensburg : Eichamt weg - kurz vor dem Jubiläum

Repräsentativ: Das dreistöckige Haus mit dem auffälligen Giebel prägt die Karlstraße und steht unter Denkmalschutz. Foto: staudt
Repräsentativ: Das dreistöckige Haus mit dem auffälligen Giebel prägt die Karlstraße und steht unter Denkmalschutz. Foto: staudt

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12. Januar 2011, 07:10 Uhr

Flensburg | Nicht jede Schließung einer Behörde führt gleich zu Protesten und Demonstrationen. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt und bislang auch nicht kommentiert, hat das frühere Eichamt an der Karlstraße seine Pforten dauerhaft geschlossen. Damit wurde das 100-jährige Jubiläum an dieser Adresse um nur zwei Jahre verpasst; das repräsentative Backsteingebäude im Stadtviertel St. Johannis war 1912/13 errichtet worden und steht seit Dezember 2010 weitgehend leer. Die Eichingenieure sind aber nach wie vor aktiv.

Auch wenn in der Fassade über dem Torbogen bis heute die Inschrift "Kgl. Eichamt" bis heute zu lesen ist: Ein Amt war die Behörde schon seit einigen Jahren nicht mehr, sondern die Dienststelle Flensburg der Eichdirektion Nord in Kiel. Ganze drei Mitarbeiter verrichteten von hier aus im ganzen Norden des Landes ihr Dienst; niemand wurde entlassen, in Zukunft schwärmen sie von ihren Wohnungen zum Eichen aus und sind alle ein bis zwei Wochen in Kiel.

"Unsere Aufgaben haben sich zu rund 95 Prozent in den Außendienst verlagert", sagte Dr. Herbert Weit, technischer Direktor der Eichdirektion Nord. Das Eichwesen habe sich in den vergangenen Jahren stark geändert: Während Händler und Marktbeschicker früher oft mit ihren Waagen ins Eichamt kamen, ist dies heute kaum noch der Fall. Im Einzelhandel kommen heute überwiegend fest eingebaute Wiegesysteme zum Einsatz. Die Folge: Das Eichamt kommt zum Kunden, die Mitarbeiter fahren, ausgerüstet mit Messapparaturen, Handy und Notebook, direkt von zu Hause aus zu ihren Kunden. Selten werde etwas zum Eichen eingeschickt.

Zu den wenigen negativ Betroffenen zählt Dr. Weit die Taxifahrer, die früher regelmäßig mit ihren Fahrzeugen zum Eichen der Taxameter in die Karlstraße kamen. Sie müssen jetzt nach Kiel fahren, verbinden diese Fahrten aber, so Weit, oft mit ohnehin anstehenden Transportfahrten ins Klinikum. Zudem werde derzeit ein mobiler Taxenprüfstand entwickelt, der aber frühestens Anfang 2012 einsatzbereit sein werde.

In dem 1912/13 von Stadtbaudirektor Paul Ziegler errichteten Backsteingebäude, das unter Denkmalschutz steht und in Privatbesitz ist, war die Eichdirektion nur Mieter. Im Vorderhaus befinden sich Wohnungen. Man bedaure, dass das Gebäude jetzt nicht mehr seinem ursprünglichen Zwecke dient, sagte auf Anfrage Denkmalpfleger Eiko Wenzel, doch gebe es aus Sicht der unteren Denkmalschutzbehörde durch den Nutzungswechsel keinen Handlungsbedarf.

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