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„Tour de Flens“ : E-Mobil im Selbsttest: „Energiesparen muss sexy werden“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

50 E-Auto-Enthusiasten aus Norddeutschland und Süddänemark haben sich zur „Tour de Flens“ getroffen. sh:z-Reporterin Cornelia Pfeifer macht erste Erfahrungen mit den leisen Umweltschonern.

shz.de von
erstellt am 29.Sep.2014 | 17:13 Uhr

Flensburg/Sonderburg | Etwas fehlt, als ich aufs Gaspedal drücke. Der Wagen rollt gehorsam nach vorne, aber es fühlt sich an, wie wenn jemand das Auto von hinten schieben würde: kein Vibrieren und Knattern, wenn der Motor zum Leben erwacht. Der voll elektrische Nissan Leaf gleitet einfach los, wie einer dieser Wagen beim Autoscooter.

Langsam rolle ich hinter den anderen E-Autos vom Hof der Sønderborg Forsyning, einer Einrichtung vergleichbar mit den Stadtwerken. Hier haben sich insgesamt 50 E-Auto-Enthusiasten aus Norddeutschland und Süddänemark zur „Tour de Flens“ getroffen. Werner Kiwitt vom Glücksburger Verein Artefact veranstaltet diese CO2-neutrale Rundfahrt um die Flensburger Förde bereits zum vierten Mal. Waren am Anfang gerade einmal 14 Fahrzeuge dabei, reihen sich heute 40 elektrische Autos hintereinander in die Kolonne ein. Darunter sind nicht nur normale Autos, wie der Nissan Leaf, sondern auch Kabinen-Pedelecs mit Pedalen, umgebaute Oldtimer und die Luxus-Limousinen der Firma Tesla.

Mit mir im Auto sitzen Maike und Hauke Jensen aus Enge-Sande, deren Nissan ich ausprobieren darf. Die beiden sind wie die meisten hier echte E-Mobil-Fans und wollen seit der Anschaffung ihres E-Autos vor einem Jahr am liebsten nichts anderes mehr fahren. „Wir streiten uns jeden Morgen, wer den Leaf fahren darf“, erzählt mir Maike Jensen. Dabei war für sie der Fahrspaß nur ein positiver Nebeneffekt, eigentlich ging es den beiden um den ökologischen Gedanken.

In der Welt der E-Mobilität geht es weniger um PS und Geschwindigkeit als vielmehr um Ladedauer und die Strecke, die das Auto mit einer Ladung zurücklegen kann. Ihr Nissan schafft ungefähr 125 Kilometer mit einer Ladung, „außer natürlich man legt es drauf an und brettert mit 160 Stundenkilometern über die Autobahn“. Dafür ist das Auto aber auch gar nicht gedacht. „Seit wir das Auto haben, fahren wir viel langsamer und genießen viel mehr“, erzählt Maike Jensen. Die beiden fahren mit ihrem Nissan zur Arbeit, sie können sowohl zu Hause als auch bei der Arbeit Strom auftanken. Das ist auch nötig, denn zwischendurch tanken ist hier nicht drin: Eine volle Ladung an einer normalen Steckdose dauert 10 Stunden.
Die lange Ladedauer ist ein Grund, warum Organisator Werner Kiwitt sagt, dass E-Autos noch nicht perfekt seien, „aber wenn nicht einige damit anfangen, wird das nie etwas, dass wir die Massen erreichen. Energiesparen muss sexy werden.“

Damit sich mehr private Nutzer dafür entscheiden, müssten die Autos günstiger in der Anschaffung und die Infrastruktur besser werden. „In Deutschland liegt das Hauptproblem darin, dass die Bundesregierung sich zwar umweltpolitisch hohe Ziele setzt, aber fast nichts dafür tut.“

Unsere Autokolonne fährt mittlerweile in langsamem Tempo über die dänischen Landstraßen. Es ist ein sehr entspanntes Fahren. Dadurch, dass das Auto nicht schalten muss, fühlt es sich so an, als würde man durch die Landschaft gleiten. Nach einigen Minuten habe ich mich daran gewöhnt, der Nissan fährt sich wie ein ganz normales Auto. Bei kurzen Stopps an der Düppel-Mühle, bei einer Solaranlage sowie bei Annies Hotdog-Bude in Sønderhav wechsele ich auch in andere Autos. In Kaare und Thorkil Svensgaards Luxus-Limousine der Marke Tesla riecht es nach Leder und neuem Auto. Der Wagen ist gerade einmal drei Monate alt, Kaare Svensgaard aus Sonderburg hat sich damit, als er nach seinem Lehrerberuf in Pension gegangen ist, gemeinsam mit seinem Bruder einen Traum erfüllt. Anders als die meisten anderen E-Autos ist der Tesla auch für lange Strecken geeignet, er schafft mit einer Stromladung bis zu 500 Kilometer und kann an den speziell eingerichteten Supercharger-Tankstellen in einer halben Stunde wieder auf 80 Prozent aufgeladen werden. Die Brüder wollen damit durch ganz Europa fahren.

Nach dreienhalb Stunden erreichen wir den Fördepark in Flensburg, wo uns Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar auf der Elektromobilmesse mit einer Rede empfängt. Gleich soll an der Fördetherme in Glücksburg auch noch eine neue Tankstelle für die E-Mobile eingeweiht werden. Ich schaue mich auf dem riesigen Parkplatz um. Selbst die 40 Elektro-Autos fallen hier neben den hunderten Autos mit Verbrennungsmotor kaum auf. Ich denke daran, dass die Bundesregierung bis 2020 eine Million Elektro-Autos auf den Straßen haben möchte. Dass in so kurzer Zeit ein so großes Umdenken stattfinden soll, kann ich mir kaum vorstellen, aber die engagierten Teilnehmer der „Tour de Flens“ sind ein Anfang.

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