Stadtwerke Flensburg : Düsenantrieb für die Fernwärme

Ganz schöner Oschi: Maik Render und Karsten Müller-Janßen vor dem Herzstücke, der Gasturbine der neuen Anlage.
Ganz schöner Oschi: Maik Render und Karsten Müller-Janßen vor dem Herzstücke, der Gasturbine der neuen Anlage.

Projekt Kessel 12 voll im Plan: Die Stadtwerke verbauen 128 Millionen Euro für eine flexible und variantenreiche Energieerzeugung.

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18. Dezember 2014, 16:00 Uhr

Die mit Abstand teuerste Flensburger Baustelle ist gar nicht so einfach zu erkennen: Von der Batteriestraße aus sehen die Stadtwerke aus wie immer – im Hinterhof ist die größte Umwälzung der letzten 25 Jahre im Gange. Kessel 12 ist im Werden – der nächste Zyklus der Flensburger Energieerzeugung wird das vertraute Bild über den Haufen werfen, wenn die neue Anlage wie geplant 2016 ans Netz geht.

Als er 2010 – damals noch als Technischer Geschäftsführer – in Flensburg anfing, war er über den technologischen Rückstand bestürzt. Heute, als Gesamtverantwortlicher, stellt es sich für Maik Render als Segen dar, dass Flensburgs kommunale Tochter einen beträchtlichen Investitionsstau vor sich her schob. Weil so oder so neue Technik beschafft werden musste, standen in der Ausrichtung des kommunalen Energieerzeugers alle Wege offen. Das war eine wesentliche Voraussetzung für das Projekt „Kessel 12“, das Render und der Projektverantwortliche Karsten Müller-Janßen gestern präsentierten.

Die Gastgeber dachten, der Termin wäre günstig. Das Herzstück der Anlage, ein Gas befeuertes „Raketentriebwerk“ wird als voll automatisierter Antrieb der modernen Gas- und Dampfturbinenanlage für die Erzeugung von Strom und Fernwärme demnächst in seine schalldichte Umhausung gekleidet. Noch sind im neuen Betriebsgebäude ungewohnte An- und Einsichten möglich.

Die Stadtwerker mögen ihre neue Anlage, die mit 65 Prozent des Gesamtinvestitionsvolumens von 128 Millionen Euro den Schwerpunkt bildet. Janßen schwärmt wie Render von der neuen Flexibilität des Anlagen-Mix. Als mittelständischer Versorger ohne nennenswerte Marktmacht sei Vielseitigkeit in der Verwendung von Energieträgern die Flensburger Antwort auf einen sehr dynamischen Markt mit diversen – auch politisch bedingten – Unbekannten. „Kessel 12“ ist das Tausendsassa-Projekt. „Außer Atomstrom können wir so ziemlich alles nutzen“, sagt Unternehmenssprecher Peer Holdensen. Holzpallets, Heizöl, Kohle, Ersatzbrennstoffe aus dem Müllrecycling, Strom – und natürlich Gas. Wobei Letzteres die Zwangsverbindung von Strom- und Wärmeerzeugung in den entscheidenden Phasen durchbrechen hilft. Die neue Turbine kann in 15 Minuten hochgefahren werden und Strom liefern – wann immer er er benötigt wird oder gerade profitabel zu verkaufen ist. Die Abwärme kann bis zu 24 Stunden geparkt oder auch ganz von der Kraft-Wärme-Kopplung gelöst werden. Gesteuert wird alles aus einem modernen Leitstand, der sämtliche Netze und Kessel der Stadtwerke kontrolliert.

Bis zu 92 Prozent (aktuell 80 Prozent) beträgt die Energieausbeute im neuen System, das bei gleicher Energiemenge 40 Prozent weniger Treibhausgas ausstoßen wird. Und noch ein großer Stolzfaktor: „Wir haben das alles mit frei gestellten Leuten selbst gewuppt“, freut sich Render. „Unsere Leute gehen mit der Bauherrendenke daran.“ Der wichtigste Unterschied sei in Berlin und in Hamburg zu besichtigen. Stichwort Flughafen, Stichwort Elbphilharmonie.

Wenn alles fertig ist, wird an der Batteriestraße kräftig abgeräumt, drei Kessel werden abgerüstet, einer umgerüstet – etliche Gebäude auf gut einem Drittel des Geländes werden in den nächsten Jahren fallen. „Wir müssen aufräumen“, sagt Render. „Für die nächste Generation der Energieerzeugung, was immer die auch benötigt.“

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