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Flensburger Tageblatt

23. August 2017 | 20:11 Uhr

Drogen im Klassenzimmer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Cannabis ist bei Schülern in Flensburg weiterhin ein großes Thema – doch das Spektrum der konsumierten illegalen Rauschmittel nimmt zu

„Morgens ein Joint – und der Tag ist dein Freund.“ Diese von der revoltierenden 68er-Generation geprägte Parole hat wacker überdauert. Während der „Genuss“ von Alkohol und besonders Zigaretten bei Jugendlichen immer weniger Anhänger findet, erfreut sich der Konsum von Cannabis unter Schülern ebenso ungebrochener Beliebtheit wie bei Alt-Kiffern. „Er ist fester Bestandteil der Jugendkultur“, sagt unmissverständlich Nicolai Altmark, Leiter des Diakonischen Suchthilfezentrums in Flensburg.

Was Pädagogen und Sozialarbeitern Sorgen bereitet, ist nicht nur der fast schon selbstverständliche Umgang mit Marihuana in allen Variationen, sondern die Tatsache, dass das Spektrum an Drogen immer breiter wird. Zudem wird offenbar ungehemmt gedealt. Auf Schulhöfen oder in deren Nähe und oder gar auf Kinderspielplätzen wie etwa in Solitüde. Eltern wollen beobachtet haben, dass dort wiederholt Geschäfte abgewickelt worden sind. Die Kripo indes hat keine Häufung derartiger Delikte festgestellt, wie Polizeisprecherin Franziska Jurga erklärt. Sie appelliert an Zeugen, bei entsprechenden Beobachtungen sofort den Notruf 110 zu wählen.

Während Lehrkräfte in der Vergangenheit immer wieder betont hatten, es gebe keine oder nur wenig Probleme in der Schule selbst, zeichnen deren Schützlinge ein konträres Bild. „Auffälligkeiten gibt’s an nahezu jeder Schule“, sagt Stadtschülersprecher Paul Riedlinger. „Es wird in Klassenzimmern offen gedealt, in versteckten Ecken auf Schulhöfen geraucht.“ Ein Gymnasiast ergänzt: „Es ist überhaupt kein Problem, an der Schule an Stoff zu kommen – ob Gras oder Ecstasy oder anderes Zeug.“

Da wird also der Joint herumgereicht, da kommt der eine oder andere Schüler auch schon mal „zugedröhnt“ zum Unterricht, Pillen auf Partys – und abends am Strand faucht neben dem Lagerfeuer fröhlich die Wasserpfeife. Das Kollegium, so die Kritik von fünf befragten Schülersprechern, wüsste oft Bescheid, es werde aber zu wenig dagegen unternommen. Das möchte Ingwer Nommensen, Schulleiter an der KTS, so nicht stehen lassen. „Wenn ich etwas wüsste, guck ich doch nicht weg!“

Peter Sellmer, Leiter der Käte-Lassen-Schule, räumt ein: „Alkohol und illegale Drogen sind ein großes Thema bei den Schülern. Und das geht ab 13 Jahren schon los.“ In seiner Einrichtung und der näheren Umgebung allerdings werde weder konsumiert noch gehandelt. „Da sind wir sehr aufmerksam.“ Bei auffällig gewordenen Schülern suche man unverzüglich das Elterngespräch. „Wir arbeiten da in der Regel gut zusammen und können auch auf Präventiv-Programme zurückgreifen.“

Präventiv tätig ist auch die Drogenberatungsstelle am Südergraben. Durch deren Aufklärungsarbeit werden jährlich 1100 Schüler erreicht, Durchschnittsalter 14 bis 15 Jahre. Jedoch ist die jugendliche Klientel mit 16 Beratungen (gesamt 840) verschwindend gering. Nicolai Altmark nennt Zahlen, die auf den ersten Blick beruhigen mögen: 10 bis 15 Prozent der unter 18-Jährigen haben demnach schon einmal Haschisch konsumiert. Jeder Zehnte davon bleibe langfristig dabei. „Ich will das Problem nicht verharmlosen“, sagt der Suchttherapeut, „aber es ist nicht so, dass sich Schüler epidemisch auf illegale Drogen stürzen.“

Im Trend, führt er aus, liegen derzeit künstlich hergestellte Cannaboide, deren Wirkung um ein Vielfaches stärker ist als THC, also der Bestandteil der Hanfpflanze, der für den ersehnten Rausch verantwortlich ist. Auch Crystal Meth und Amphetamine mit einem hohen Abhängigkeitspotenzial sowie neue psychoaktive Substanzen wie „Legal Highs“ greifen weiter um sich. Wie der Name schon nahe legt, fallen diese Mittel nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. „Man kann sie im Internet ganz einfach bestellen“, sagt Altmark. „Sie werden zum Beispiel als Badesalz gehandelt.“ Sobald sie auf dem Index stünden, würden die Hersteller kurzerhand die Mixtur verändern, um so weiterhin ungehindert agieren zu können.

Bedenklich: Wer bereits im Alter von unter 15 Jahren Cannabis konsumiert, ist stark gefährdet, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt. Die Gefahr an einer Psychose zu erkranken, liege demzufolge bei 53 Prozent. Altmark berichtet von einem jungen Klienten: „Der wurde bereits durch einmalige Einnahme von THC seiner Lebensperspektive beraubt.“



Sucht- und Drogenberatungsstelle Telefon 141940 (www.drobs.de), Gesundheitsdienste im Gesundheitshaus Norderstraße: Beratung für Suchtgefährdete und Suchtkranke

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