Flensburg : Drei Jahre nach der Insolvenz: Was die Schlecker-Frauen heute machen

Hat bis zuletzt in der Filiale in der Norderstraße gearbeitet: Ingrid Ries. Heute stehen die Räumlichkeiten leer.
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Hat bis zuletzt in der Filiale in der Norderstraße gearbeitet: Ingrid Ries. Heute stehen die Räumlichkeiten leer.

Die Drogeriekette meldete vor drei Jahren Insolvenz an. Inzwischen haben viele ehemalige Mitarbeiterinnen in Flensburg einen neuen Arbeitgeber gefunden.

shz.de von
22. Januar 2015, 08:00 Uhr

Flensburg | Es war der 23. Januar 2012. An jenem Tag erfuhren die Mitarbeiterinnen der letzten der einst 14 Flensburger Schlecker-Filialen, dass ihr Arbeitgeber insolvent ist. Drei Jahre ist das nun her, und in der Zeit hat sich viel verändert. Nicht nur für die Kunden, die ihre Drogerieartikel nun woanders kaufen. Zuallererst gilt das für die „Schlecker-Frauen“, wie die ausnahmslos weibliche Laden-Belegschaft auf dem Höhepunkt der Krise etwas abwertend getauft wurde: Ohne Transfergesellschaft standen sie von heute auf morgen auf der Straße.

Bis zum letzten Tag hatten die Frauen um ihren Arbeitsplatz gekämpft und mussten am Ende trotzdem kapitulieren. Ingrid Ries ist eine der vielen Mitarbeiterinnen, die sich nach der Schließung der Läden um einen neuen Job kümmern musste. 19 Jahre war sie bei Schlecker beschäftigt – zuletzt in der Norderstraße.

Dass es Probleme gab, hatte sich schon einige Monate zuvor abgezeichnet, als die Mitarbeiterinnen auf ihr Weihnachtsgeld verzichten sollten, damit drei Millionen Euro eingespart werden konnten. Und wenig später hieß es, die Gehälter für November und Dezember seien gesichert. Und dann kam die Insolvenz. „Die Zeit zwischen dem 23. Januar und dem 1. Juni war sehr chaotisch und geprägt von Angst und Unsicherheit“, blickt die ehemalige Betriebsratsvorsitzende auf das Ende der Drogeriekette zurück. Um das Unternehmen zu retten, habe man im März 2012 beschlossen, einige Läden in Flensburg zu schließen. Das habe zu Feindseligkeiten unter den Kolleginnen geführt, erinnert sich Ries. Niemand habe gewusst, wer zuerst fliegt. Einige Frauen hofften vergeblich, dass sie wegen ihrer langen Betriebszugehörigkeit nicht gekündigt werden könnten. „Es war eine unkluge Entscheidung, so vorzugehen“, so die 62-Jährige. Und keine effektive, wie sich nur drei Monate später herausstellen sollte.

Im Juni zog die Schlecker-Geschäftsführung den Schlussstrich. In Berlin, auf der letzten Betriebsversammlung, erfuhr Ries die schlechte Nachricht, die nicht nur ihre Zukunft verändern sollte. „Das war ein dramatisches Erlebnis“, erzählt sie. Viele Läden in Flensburg wurden nach und nach geschlossen, die letzte Mitarbeiterin zog im August für immer die Tür hinter sich zu.

Für die ursprünglich 86 Schlecker-Mitarbeiterinnen in und um Flensburg begann die Zeit des Bangens. Keine von ihnen wusste, ob und wann sie wieder Geld verdienen würde. Besonders schlimm sei die Situation für allein erziehende Mütter oder jene Frauen in der Ruhephase der Altersteilzeit gewesen. Sie seien oft ausgenutzt worden, denn sie hätten jede Stelle annehmen müssen, um überleben zu können. Andere seien nicht mehr arbeitsfähig gewesen und hätten von Hartz IV gelebt, sagt Ries. Sie selbst ist zehn Monate lang arbeitslos gewesen und hat die Zeit genutzt, um Konfliktmanagement-Seminare zu besuchen. „Ich habe ursprünglich darüber nachgedacht, mich selbstständig zu machen“, erklärt sie. Das sei in ihrem Alter nicht mehr in Frage gekommen.

Für viele ihrer Kolleginnen hat die Jobsuche ein Happy-End. Sie sind entweder bei anderen Drogerieketten, im Lebensmittelhandel oder in der Altenpflege untergekommen. Ries arbeitet heute beim Konkurrenten „dm“ – und hat einen unbefristeten Vertrag. „Schlecker-Mitarbeiterinnen wurden gerne genommen, weil wir hart gearbeitet und viel gekämpft haben“, hebt sie hervor. Im Vergleich zu ihrer vorherigen Stelle muss die 62-Jährige Einbußen hinnehmen. 25 statt 37,5 Stunden arbeitet die Drogistin pro Woche. Doch das macht ihr nichts aus – weil der Rest stimmt. Das Betriebsklima bei „dm“ sei ganz anders als bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber. Auch Weiterbildungen seien ein Thema. So etwas habe sie während ihrer Schlecker-Zeit nicht erlebt. Bis zu ihrem 67. Geburtstag möchte sie – wenn möglich – weiter bei „dm“ arbeiten und dann in den wohlverdienten Ruhestand gehen.

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