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Amtsarzt in Flensburg : Dr. Clemens Bartholdy – als der falsche Doktor aufflog

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Bremer Postbote hielt 1982 die Flensburger Gesundheitsbehörde zum Narren. Durch Zufall wird er im April 1983 als falscher Amtsarzt enttarnt.

Flensburg | Die Polizeibeamten staunten nicht schlecht, als sie die Geldbörse durchsahen, die an einem Tag des April 1983 auf dem Tresen des ersten Reviers lag. Einer der beiden Ausweise, der in der Börse steckte, war ein Dienstausweis: ausgestellt von der Stadt Flensburg für einen ihrer Mitarbeiter. Der Name, fast so schön wie Musik, zu schön, um wahr zu sein: Dr. Dr. med. Clemens Bartholdy. Alter: 31 Jahre. Der zweite Ausweis, den die Polizisten fanden, war wesentlich weniger spektakulär: ein Presseausweis der Agentur „Associated Press“ (AP), ausgestellt für ihren Mitarbeiter Gert Uwe Postel (25 Jahre). Das Frappierende beim Vergleich zeigte der Blick auf die Fotos: Sie zeigten ohne jeden Zweifel dieselbe Person. Die misstrauischen Beamten nahmen Witterung auf und zerrten schnell einen Skandal ans Licht, der Flensburg bundesweit in die Medien bringen sollte. Nachfragen ergaben, dass sich der gelernte Postbote Gert Uwe Postel aus Bremen unter dem Decknamen Dr. Dr. med. Clemens Bartholdy für die von der Stadt im Spätsommer 1982 ausgeschriebene Stelle des stellvertretenden Amtsarztes interessierte. Auf die Flensburger Ausschreibung hin kam er in die Fördestadt, nahm Quartier im kleinen Dorf Bönstrup und knüpfte Kontakt mit dem Leiter des Amtes, Dr. Wolfgang Wodarg.

bartholdy
 

Man traf sich, lernte sich kennen, war sich sympathisch und besprach das weitere Vorgehen für eine mögliche Einstellung. „Wir waren froh, jemanden zu haben, der zeigte, dass er auf sozialpsychiatrischem Gebiet etwas tun wollte“, erläuterte Amtsarzt Wodarg später vor Gericht. Tatsächlich reichte Postel eine Bewerbung beim Personalamt der Stadt ein, bei der die notwendigen Unterlagen teilweise fehlten oder gefälscht waren. Dennoch: Das grüne Licht vom künftigen Arbeitgeber kam ruckzuck: Im September 1982 zog „Dr. Dr. Bartholdy“ ins Gesundheitsamt ein. Sein Chef Wodarg und der gemeinsame Vorgesetzte, Dezernent Klaus Bartnitzke, setzten große Hoffnungen auf ihn. Der Schein-Mediziner mit angeblich ausgeprägten psychiatrischen Fähigkeiten sollte einen sozialpsychiatrischen Dienst aufbauen, durfte daneben für Gerichte und andere Behörden psychiatrische Gutachten erstellen. Am Tag, als er wegen seiner Schwindelei in Bremen verurteilt wurde, hatte er nachmittags einen Termin in Flensburg vor Gericht – als Gutachter.

Der falsche Amtsarzt „Dr. Dr. Bartholdy“ Anfang der 80er-Jahre in Flensburg...
Der falsche Amtsarzt „Dr. Dr. Bartholdy“ Anfang der 80er-Jahre in Flensburg... Foto: sh:z-Archiv
 

Doch dass der Pseudo-Arzt ein Nichtskönner war, blieb dann auch trotz allen Wohlwollens Dr. Wodarg nicht verborgen. Der Aufgabenbereich schrumpfte immer weiter. Überlegt wurde trotzdem, ihn in der nervenärztlichen Beratungsstelle der Stadt und in der Jugendberatung einzusetzen. Doch dazu hat „Dr. Dr. Bartholdy“ keine Lust, er schied aus dem Dienst des Gesundheitsamtes aus.

Kurz darauf: Verlust der Ausweise. Die Polizei durchsuchte das Appartement des Hochstaplers im Ortsteil Wassersleben der Nachbargemeinde Harrislee, doch der falsche Doktor war schon weg. Die Spuren führten nach Bremen. Als Polizisten in die Hansestadt fuhren, entdeckten sie den Gesuchten auf der Straße nahe seiner Wohnung. Sie nahmen ihn fest. Die Beamten hatten das Gefühl, Bartholdy sei froh, dass es vorbei ist.

Stück für Stück kam die Wahrheit über Postels Taten, aber auch über das Versagen der Flensburger Stadtverwaltung ans Licht. Der gelernte Postbote war beim Fälschen der Dokumente mit enormem Einfallsreichtum und großer krimineller Energie vorgegangen. Wollte er etwas erreichen, schob er einen Titel vor und nutzte das Vertrauen seiner Gesprächspartner aus. Schien er wirklich in die Enge getrieben, halfen ihm seine Kaltschnäuzigkeit und eine Lüge weiter.

Der richtige Gert Postel 30 Jahre danach im Rampenlicht der ARD.
Der richtige Gert Postel 30 Jahre danach im Rampenlicht der ARD. Foto: galuschka
 

Die zuständige Flensburger Sozialverwaltung versuchte, das Ausmaß der Blamage zu verschleiern. Dass Postel als stellvertretender Amtsarzt gearbeitet habe, sei eine „Fehlinterpretation“. Im Mittelpunkt der ersten Bemühungen nach Auffliegen des Skandals stand die Klärung der Frage, welchen Schaden hatte der angebliche Psychiater angerichtet. Sozialdezernent Bartnitzke und Amtsarzt Wodarg erklärten, alle Gutachten seien gegengecheckt worden. Es sei keinem Menschen Schaden durch falsche Behandlung entstanden. Die Redaktion des „Flensburger Tageblatts“ wies nach, dass „Bartholdy“ psychiatrische Gutachten als ungenehmigte Nebentätigkeit erstellt und dafür die Räume des Gesundheitsamtes genutzt hatte – also ohne Erlaubnis unter den Augen seines Vorgesetzten arbeitete.

Während des Prozesses vor der 1. Großen Strafkammer am Landgericht Flensburg im Dezember 1984 kam Licht in den Wust von Hochstapeleien, Betrügereien, Vernebelung und Inkompetenz. Postel selbst erzählte von seiner traurigen Kindheit, von seinen eigenen Gedanken an Selbstmord. Er ließ die Richter wissen: „Nicht um jeden Preis“ wolle er leben, „zum Beispiel im Gefängnis“. Bis ins Detail lässt sich das Gericht schildern, wie es dem falschen Doppel-Doktor möglich war, die Anstellung in Flensburg zu erreichen. Immer wieder: Tricksereien, Lügen auf der einen Seite, Gutgläubigkeit, mangelndes Misstrauen, fahrlässiges Übersehen offenkundiger Zeichen auf der anderen. Das Gericht kam zum Schluss: Dem Hochstapler Gert Postel ist es in Flensburg leicht gemacht worden.

Das Gericht zog seinen Schluss kurz vor Weihnachten 1984: ein Jahr Gefängnis, ausgesetzt auf vier Jahre zur Bewährung. Gert Uwe Postel konnte seine Gedanken an Selbstmord zur Seite legen. Mancher, der den Hochstapler als freien Mann gehen sah, wagte die Prognose: Von dem hören wir wieder.

Die Skeptiker sollten recht behalten. Für seine Doktor-Spiele nutzte Postbote Postel die Wirren der deutschen Einheit und die Tatsache aus, dass der „Eiserne Vorhang“ einst eine geniale Isolation war. Wo also ließ sich wieder unentdeckt Psychiater spielen als in irgendeinem Provinznest im Osten? Am 11. Juli 1997 teilte das Sozialministerium des Freistaates Sachsen mit, „dass im Krankenhaus Zschadraß gestern ‚Doktor‘ Gert Postel als Hochstapler entdeckt worden war.

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erstellt am 27.Okt.2015 | 14:12 Uhr

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