Museumsberg Flensburg : Dr. Brain und Sauermann im Retro-Look

Ausflug in den Barock: Das Tor zum Hans-Christiansen-Haus schuf der Düsseldorfer Künstler Clemens Botho-Goldbach.  Fotos: Staudt
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Ausflug in den Barock: Das Tor zum Hans-Christiansen-Haus schuf der Düsseldorfer Künstler Clemens Botho-Goldbach. Fotos: Staudt

„Aus neu mach alt: „HistoRetroShabbyismus“ auf dem Museumsberg – Vernissage am Sonntag um 11.30 Uhr

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30. Juni 2018, 06:16 Uhr

Ein Hocker im original Chippendale-Stil oder Plagiat mit Dackelbeinen? Der Toaster im Retro-Stil. Die Brotdose im Radiolook. Das alte Grammophon – nur ein Fake? Kunst oder Kitsch, echt oder falsch?

Viele Fragen türmen sich auf, wenn man die aktuelle Ausstellung auf dem Museumsberg betritt, die sich durch beide Häuser zieht – Einsprengsel in die bestehende Sammlung, Leihgaben, Auftragsarbeiten, Objekte aus den verschiedensten Quellen europaweit. Und da es höchste Zeit für einen neuen „Ismus“ wurde, hat Kuratorin Madeleine Städtler, derzeit noch wissenschaftliche Volontärin, den Begriff „HistoRetroShabbyismus“ kreiert: „Aus neu mach alt“.

Ein Jahr hat die Vorbereitung für diese so spannende wie vielschichtige Schau gedauert. „Und das hat uns richtig viel Spaß gemacht“, bekennt Museumschef Michael Fuhr, dem es besonders die technische Abteilung mit der pinkfarbenen Vespa im Zentrum und den vielen Geräten, „die nur so aussehen, als ob sie alt wären“, angetan hat. Oder der in einem Nussbaum-Tisch versteckte Kicker. Interessant auch das Auftauchen der Fußball-Götter, die einen Flügelaltar schmücken. Leider sind sie etwas zu spät vom Himmel gestiegen, möchte man sagen.

Ausgangspunkt ist der Flensburger Museumsgründer und Möbeltischler Heinrich Sauermann, ein Vertreter des Historismus, der vergangene Epochen in sich vereinte – ein Phänomen, das man heute mit Retro-Chic oder Shabby-Look bezeichnen würde. Gleichwohl geht es bei diesen Produkten nicht mehr um Geschichte, sondern um ein Lebensgefühl, das sich von der Industrie prächtig vermarkten lässt.

Am augenfälligsten wirkt ein sechs Meter hohe barockes Tor vor dem derzeit gut verpackten Hans-Christiansen-Haus. Ein Werk des Künstlers Clemens Botho-Goldbach, der hier das steril wirkende Motiv auf dem 100-Euro-Schein monumental und dreidimensional umgesetzt hat. „Eine Herausforderung, die mich fast wahnsinnig gemacht hätte.“

Ausgehend vom 16. Jahrhundert werden über 100 Werke gezeigt, die in aktuelle Strömungen münden, wie etwa den Steampunk. Die Auswüchse dieser aus den USA importierten Subkultur manifestieren sich in sechs Objekten der Künstlergruppe Machina Nostalgica. Die Dampfmaschinenära geht hier eine Verbindung mit moderner Technik ein – etwa als „Dr. Brain“, eine windows-basierte Installation mit Autohupen, Thermometer, Webcam und Monitor. Ein Historisator tritt gar in den Dialog mit dem Betrachter.

Besondere Errungenschaften sind Bilder des bedeutenden niederländischen Fotografen, der seine Tochter Paula im Stil der flämischen Meister porträtiert hat – mit Getränkedosen als Lockenwickler oder einem Luftschlauch als Spitzenkragen. Wem des alles zu absurd ist, der kann seine Frustration gern an einem geblümten Boxsack von Hannes Nienhüser abarbeiten. „Der darf aber nur“, bittet Madeleine Städtler, „ganz weich beboxt werden.“

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