Dönitz tanzt in Unterwäsche

Probe im Hof: Elisabeth Bohde, Daniel Lager, Thorsten Schütte.
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Probe im Hof: Elisabeth Bohde, Daniel Lager, Thorsten Schütte.

Theaterwerkstatt Pilkentafel zeigt Performance im Polizeihof / „Premiere“ heute bei Gedenkveranstaltung zum Kriegsende

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24. Mai 2015, 12:44 Uhr

Die Theaterwerkstatt Pilkentafel entwickelt ihr Spezialgebiet der Flensburger Stadtgeschichte ein Stück weiter. Wobei es diesmal eigentlich um deutsche Geschichte geht, und um ein besonders unrühmliches Kapitel dazu. Heute zeigt sie zum ersten Mal ihre Performance „Tanz den Dönitz“ – und zwar exakt dort, wo die Verhaftung des Hitler-Stellvertreters vor genau 70 Jahren für die Öffentlichkeit noch einmal nachgestellt wurde: im Hof des Polizeipräsidiums hinten an der Speicherlinie.

Wer die Pilkentafel kennt, der weiß, dass sie nicht einfach die Szene nachspielen wird. Das wäre langweilig. Stattdessen stellen Elisabeth Bohde und Torsten Schütte einen absurden Widerspruch in den Fokus, der ihnen bei der intensiven Beschäftigung mit den Ereignissen im Mai 1945 klar geworden ist.

Die Stadt quoll über von Flüchtlingen, die in den Wochen zuvor nach Flensburg gekommen waren. Die NS-Führung hatte in den letzten Tagen vor Kriegsende noch KZ-Häftlinge aus Neuengamme nach Flensburg bringen lassen – als Faustpfand in eventuellen Verhandlungen mit den Alliierten. Ihre Recherchen bei dem Historiker Prof. Gerhard Paul haben ergeben, dass es mit der Sauberkeit in den Straßen der Stadt nicht weit her war, im Gegenteil: Die Stadt war dreckig.

Und dann war da Admiral Dönitz, der, nachdem er verhaftet worden war und nach Luxemburg ausgeflogen werden sollte, 12 Koffer dabei hatte. „Für Unterwäsche und Uniformen“, so Bohde. Er durfte aber nur einen mitnehmen, und darüber hat er sich bitterlich beklagt. Zudem hat man ihm den Admiralsstab abgenommen, auch das fand er unangemessen. In der Stadt vegetierten Flüchtlinge, starben KZ-Häftlinge, um die sich niemand kümmerte – „und Herr Dönitz beklagt sich, dass er nur einen Koffer mitnehmen durfte!“

Ein gefundenes Motiv für Thorsten Schütte; er wird den bedauernswerten Dönitz auf dem Dach des Schuppens im Polizeihof in Unterwäsche tanzen, während der Countertenor Daniel Lager darunter an einem Cembalo spielend einen Bohde-Text singt. Für das Publikum gibt es Überraschungen – nach der geschlossenen Veranstaltung heute zusätzlich am Montag, Dienstag und Mittwoch jeweils zwischen 16 und 18 Uhr; in dieser Zeit wird die Performance bei ständigem Einlass immer wieder gespielt. Der Eingang ist an der Speicherlinie gegenüber der Parkhaus-Einfahrt.

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