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Dänisches Generalkonsulat : Diplomaten-Sessel in Flensburg als Trostpflaster

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im September soll Bertel Haarder den jetzigen Amtsinhaber, den Historiker Henrik Becker Christensen, beerben.

Das dänische Generalkonsulat in Flensburg – das war schon immer ein ganz besonderer Posten des diplomatischen Dienstes Ihrer Majestät. Nicht wie anderswo Berufs-Diplomaten füllen diese Funktion in der Grenzstadt aus, sondern verdiente Persönlichkeiten mit verschiedener beruflicher Biografie. Es ist ein prestigeträchtiges Amt zur freien Verfügung derjenigen, die in Kopenhagen an den Hebeln der Macht sitzen. Für Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen wurde die Position in Flensburg zum Retter in der Not, als er jetzt zur großen Umbildung seines Kabinetts ansetzte.

Vier Minister seiner rechtsliberalen Venstre-Partei musste er entlassen, weil er künftig mit der Liberalen Allianz und den Konservativen koaliert. Um für deren Leute Ministerposten zu schaffen, sah sich Løkke Rasmussen gezwungen, sogar den dienstältesten Ressort-Chef aller Zeiten zu opfern. 22 Jahre hat Bertel Haarder, zuletzt als Kulturminister, mit Unterbrechungen seit 1982 verschiedenen Regierungen gedient. Zwischendurch war er EU-Abgeordneter und Vize-Präsident des Folketing. In allen Funktionen geachtet bei Freund wie Feind, ein rastloser Arbeiter, ein leidenschaftlicher Debattierer, erfahren und gebildet wie nur wenige im dänischen Polit-Betrieb. Kurzum: So jemanden entlässt man eigentlich nicht so einfach. Es ist so ähnlich als würde Angela Merkel Wolfgang Schäuble vor die Tür setzen.

Haarder machte denn gegenüber dänischen Medien auch keinen Hehl über seinen Ärger, an die Luft gesetzt worden zu sein. Sogar des „Altersrassismus’“ beschuldigte der 72-Jährige Løkke Rasmussen. Da nahm Haarder umso lieber ein Trostpflaster an. Der Ministerpräsident hatte es ihm in dem Telefonat angeboten, in dem er Haarder als Minister entließ: eben jenen Posten des Generalkonsuls in Flensburg. Im September soll er dort den jetzigen Amtsinhaber, den Historiker Henrik Becker Christensen, beerben. Der bekleidet den Posten seit 18 Jahren, länger als jeder seiner Vorgänger seit 1920. Gerne räumt der mittlerweile 66-Jährige seinen Stuhl trotzdem nicht: Der Wechsel sei „eine dänische Regierungsentscheidung“, antwortete er auf die Frage der Minderheiten-Zeitung „Flensborg Avis“, ob die aktuelle Entwicklung denn seinen Wünschen entspreche.

Auch wenn der Ministerpräsident den personellen Wechsel aus der Not geboren hat, so springt doch dabei für das Aufgabenfeld in Flensburg alles andere als eine Notlösung heraus. Die formellen Pflichten des Konsulats rund um Staatsbürgerangelegenheiten, Ein- und Ausreise-Fragen, Im- und Export-Angelegenheiten und so weiter werden größtenteils vom fünfköpfigen Mitarbeiterstab erledigt. Hauptaufgabe des Generalkonsuls ist es, Wächter über die Interessen der dänischen Minderheit zu sein und das politische Klima im Grenzland zu fördern. Beide Bereiche werden mit einem politischen Schwergewicht wie Haarder enorm aufgewertet.

Er werde „auf eine andere Weise Generalkonsul sein“ als sein Vorgänger, kündigte er denn auch an, als ihn das Außenministerium bei einem Pressetermin als neuen Mann in Flensburg vorstellte. Weil er bereits vor seinem Amtsantritt „enorm bekannt sei“, so Haarder, gebe ihm das „die Möglichkeit, zur dänischen Öffentlichkeit durchzudringen“. Für die dänische Minderheit ist das wichtig. Auch wenn man dort betont, mit Becker Christensen voll zufrieden zu sein. Die Volksgruppe ist im Bewusstsein der „Reichsdänen“ längst nicht mehr so präsent wie früher. Was langfristig die Akzeptanz einer Überweisung von jährlich 77 Millionen Euro Steuergeld über die Grenze gefährden kann.

Hinzu kommt, dass Haarder für das Themenfeld in Flensburg Kompetenz buchstäblich verkörpert. Für ihn schließt sich ein Kreis. Von Kindheit an kennt er die Befindlichkeiten vor Ort. Er ist als Sohn des Leiters der Volkshochschule Rønshoved auf dem nördlichen Fördeufer aufgewachsen. Durch sein Intermezzo im EU-Parlament bringt Haarder zugleich eine internationale Perspektive auf den Nationalitäten-Mix der Region mit. Wie sehr er das Grenzland auf dem Schirm hat, bewies Haarder auch als Kulturminister: Da schlug er vor, die Minderheiten im Grenzland als immaterielles Welterbe der Unesco anzumelden. Ein Vorstoß, den er im künftigen Amt weiter versuchen wird nach vorn zu bringen, gerade im Hinblick auf das 100-jährige Jubiläum der Grenzziehung 2020.

Nur guttun kann ein Spitzen-Politiker wie Haarder auch dem deutsch-dänischen Dialog in der Region insgesamt. Dem fehlt es derzeit an Dynamik und Erfolgen.

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erstellt am 06.Dez.2016 | 16:55 Uhr

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