Dingholz - Kuriosum im "Dreiländereck"

Dingholz-Chronist Hans Hartwigsen am 'Dreiländereck', wo die Gemeinden Sterup, Sörup und Quern zusammenstoßen.  Foto: U. KÖHLER
Dingholz-Chronist Hans Hartwigsen am "Dreiländereck", wo die Gemeinden Sterup, Sörup und Quern zusammenstoßen. Foto: U. KÖHLER

Sechster und letzter Teil unserer Sommerserie "In Angeln unterwegs": Der Ortsteil hat drei Bürgermeister, drei Postleitzahlen und drei Vorwahlen

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05. September 2011, 05:16 Uhr

sterup/quern/sörup | Den Einheimischen sind diese Ortsnamen vertraut, den Auswärtigen geben sie Rätsel auf: Affegünt, Baggelan oder Düstnishy klingen exotisch. Manche Leute wohnen in Morgenstern, in Knappersfeld oder gar im "Paradies". Zum Leidwesen der heutigen Heimatforscher haben die Altvorderen ihr Wissen darüber nur selten und dann ziemlich lückenhaft überliefert. Unsere Zeitung war "In Angeln unterwegs", um so manches Rätsel zu lösen.

Was haben Sterup, Quern und Sörup gemeinsam? Den Ortsteil Dingholz! Vom "Dreiländereck" - dort, wo die drei Gemeinden zusammenstoßen, erstreckt sich Dingholz jeweils einen Kilometer in die jeweilige Kommune hinein. Einer, der sich mit diesem Kuriosum näher befasst hat, ist der 91-jährige Hans Hartwigsen, ein gebürtiger Sterup-Dingholzer, einst Kaufmann und seit geraumer Zeit Dingholz-Chronist.

Wenn er in dem rund 190 Einwohner zählenden Dorf unterwegs ist, startet er in Dingholz und kommt über Dingholz nach Dingholz. Zu den Besonderheiten gehört, "dass wir drei Bürgermeister", Wolfgang Rupp für Sterup, Erich Petersen für Quern und Friedrich Martens für Sörup, haben", erzählt Hartwigsen. Doch damit nicht genug: Drei Kirchengemeinden teilen sich Dingholz. Gewisse Probleme gibt es bei der Zustellung von Briefen und Paketen. Da muss sehr genau vermerkt sein, um welches Dingholz es sich handelt. Denn das Dorf hat drei verschiedene Postleitzahlen: 24996 für Sterup, 24972 für Quern und 24966 für Sörup. Doch damit nicht genug. Auch, wer zum Telefonhörer greift, muss genau wissen, wo derjenige wohnt, mit dem er sprechen möchte. Lebt dieser in Sterup-Dingholz, muss er die 04637 vorweg wählen, für Quern-Dingholz gilt 04632 und für Quern-Sörup 04635. Alles nicht ganz einfach - doch daran haben die Dingholzer sich längst gewöhnt.

Für Hans Hartwigsen, der im Laufe seines langen Lebens so manche Veränderung miterlebt hat, steht aber fest: "Es ist herrlich in Dingholz zu leben." Diesen Satz in Angler Mundart ihres Nachbarn von Sterup-Dingholz 3a untersteichen Lutz-Martin Hubrich und seine Frau Dr. Gundula Hubrich-Messow, Hausnummer Sterup-Dingholz 6. Der einst für das Flottenkommando Glücksburg tätige Ozeanograph und die Erzählforscherin sowie stellvertretende Vorsitzende des Heimatvereins der Landschaft Angeln ließen sich nach Aufenthalten - Nato-Verwendungen in Kalifornien (USA), Neapel (Italien) und Oslo (Norwegen) - mit ihren beiden Kindern ganz gezielt in Dingholz nieder. Das war 1984: "Wir hatten uns in eine Katenstelle unweit des Waldes verliebt."

Der Name Dingholz leitet sich laut Hartwigsens 200-seitiger und reich bebilderter Chronik von "Thing" und "Gehölz", also Thingplatz ab. Und das kommt nicht von ungefähr. An der Straße nach Westerhom gibt es eine Koppel namens "Galliglück". Hier fand am 16. April 1737 die letzte Hinrichtung - Tod durch den Galgen - statt. Zuvor hatte zum letzten Mal das Thinggericht getagt, um einen Mordfall aufzuklären.

Was war geschehen? Der Verwalter des adligen Gutes Schwensby war von einem zunächst Unbekannten hinterrücks mit einem Beil erschlagen worden. Als Täter ermittelt wurde ein Leibeigener. Auf dem Thingplatz hatte sich die Gerichtsbarkeit versammelt, als Herzog Philipp Ernst von Glücksburg auftauchte: Er wollte der Verhandlung beiwohnen. Die anfänglichen Unschuldsbeteuerungen halfen dem Angeklagten nichts, er wurde des Totschlags für schuldig befunden. Das Urteil: Hinrichtung durch den Galgen. Kopenhagen bestätigte das Urteil, und es wurde vollstreckt. Von alledem ist auf Galliglück nichts mehr zu sehen. Was damals geschah, lässt sich bestenfalls nur noch erahnen.

Hans Hartwigsen weiß vieles Spannendes zu erzählen - manches aus eigenem Miterleben. So zum Beispiel vom Pfingstblasen - jedes Jahr am ersten Pfingsttag im Wald an der Straße nach Sörup. Das beginnt frühmorgens um 6 Uhr, eine Stunde später schließt sich ein Gottesdienst an. 2004 - Hartwigsen war dabei - wurde an Ort und Stelle ein Gedenkstein für "100 Jahre Pfingstblasen" aufgestellt. In jenem Jahr waren 125 Bläser aus nah und fern sowie 250 Gottesdienstbesucher gekommen - darunter auch der damalige Bischof Hans Christian Knuth, der die Ansprache hielt. Hartwigsen: "Das war für Dingholz ein ganz besonderer Tag."

Auch in diesem Jahr fand in gewohnter Form das Pfingstblasen statt - verbunden mit der Taufe des jüngsten Sörup-Dingholzer Jungen - Enkel des Söruper Bürgermeisters, der zu der großen Schar der Dingholzer gehört. Diese Veranstaltung hat Tradition und wird auch am ersten Pfingstsonntag des nächsten Jahres wieder stattfinden.

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