Diktatur: Bonzen, Bomben, Flüchtlinge

Letztes Aufgebot im Zweiten Weltkrieg:Der Flensburger Volkssturm - Jungen und alte Männer - wird 1944 vereidigt.
Letztes Aufgebot im Zweiten Weltkrieg:Der Flensburger Volkssturm - Jungen und alte Männer - wird 1944 vereidigt.

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02. November 2009, 05:59 Uhr

Der Rückgang der Arbeitslosenzahl (Dezember 1936: 1285) geht Hand in Hand mit einer massiven Aufrüstung. Bestehende Kasernen und Marineanlagen werden ausgebaut, Panzer- und Artillerie-Kasernen kommen hinzu und werden bemannt. Der NS-Staat drängt zum Krieg. Schon beim Angriff auf Polen 1939 erleiden Flensburger Regimenter hohe Verluste, bis Mai 1945 werden 3000 Flensburger Soldaten fallen und ungezählte schwerstverwundet.

An der "Heimatfront" werden Lebensmittel und Verbrauchsgüter rationiert. Im Luftkrieg fallen 1000 Sprengbomben und 12 000 Brandsätze auf die Stadt, 176 Flensburger, aber auch 119 alliierte Flieger finden dabei den Tod. Im "Totalen Krieg" werden 1943 Jugendliche zur Heimat-Flak einberufen, im Oktober 1944 alle 16- bis 60-jährigen Männer zum "Volkssturm" verpflichtet. Statt ihrer sind nun mehrere Tausend, in Großlagern kasernierte Fremd- und Zwangsarbeiter in Flensburger Betrieben, in der Landwirtschaft und in den Haushalten beschäftigt.

Mit dem Zusammenbruch der Ostfront Anfang 1945 gelangen fast 40 000 Flüchtlinge in Trecks und über die Ostsee nach Flensburg. Schulen und Versammlungshäuser dienen als Massenquartiere und Behelfslazarette. Hinzu kommen in den letzten Kriegstagen 2000 als politische Geiseln nach Flensburg verschleppte KZ-Häftlinge aus Stutthof und Neuengamme.

Zeitgleich beschaffen sich hier zahlreiche NS-Größen falsche Papiere, darunter SS-Reichsführer Heinrich Himmler, Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß oder der Euthanasie-Mediziner Werner Heyde. Für viele währt die neue Identität Jahre, für manche auch Jahrzehnte. Ab 3. Mai 1945 wird die Marinesportschule Mürwik Sitz der letzten Reichsregierung unter Dönitz. Sie vollstreckt hier noch über das Kriegsende am 8. Mai hinaus mehrere Todesurteile, bis sie am 23. Mai 1945 von britischen Truppen verhaftet wird.

Die Machtübertragung auf Hitler etabliert 1933 auch in Flensburg binnen weniger Monate eine Ein-Parteien-Diktatur. Oberbürgermeister Dr. von Hansemann wird aus dem Amt gedrängt, ihm folgen die Nationalsozialisten Dr. Sievers (1933-36) bzw. Dr. Dr. Kracht (1936-45). Protest und Widerstand werden durch Einschüchterung, Verhaftungen und Gewalt erstickt, Parteien und Gewerkschaften verboten. Jüdische Geschäfte werden boykottiert, Bücher verbrannt, Vereine gleichgeschaltet, die Heranwachsenden in der Staatsjugend zusammengefasst - ausgenommen Mitglieder der Minderheit. Flensburger Widerständler, Bibelforscher, Juden, Sinti, Behinderte und Homosexuelle durchleiden lange KZ-Haftstrafen, erliegen den Torturen - oder werden getötet.

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