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Schwachstellen in Flensburg : Digitale Karte für Radler-Fallen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit einer Software aus Kenia trägt der Flensburger Tim Meyer-König eine Datenbank über Schwachstellen des Radwegenetzes zusammen.

shz.de von
erstellt am 07.Dez.2015 | 18:36 Uhr

Flensburg | Nach den manipulierten Präsidentschaftswahlen Ende 2007 in Kenia stand das ostafrikanische Land, so schrieben seinerzeit die Zeitungen, an der Schwelle zum Bürgerkrieg. „Ushahidi“ ist Kiswahili und bedeutet so viel wie Zeugenaussagen. So heißt auch eine kenianische Firma, die während der Unruhen Aussagen von Augenzeugen sammelte und bei Google maps verortete. Die Informationen sollten den Menschen dazu dienen, sich in Sicherheit zu bringen. Die frei zugängliche Software machten sich seither Menschen in aller Welt zunutze, darunter nach dem Erdbeben 2010 auf Haiti, um Überlebende zu finden, und im Jahr darauf, nachdem ein Tsunami Chaos in Japan anrichtete.

Jetzt kommt die Software in Flensburg zur Anwendung. Und zwar im Radverkehr. Tim Meyer-König ist auf die Plattform gestoßen. Er habe schon seit längerem davon geträumt, die Probleme des Flensburger Radwegenetzes zu dokumentieren, sagt der 41-jährige Ingenieur, der in Flensburg stets mit dem Fahrrad unterwegs ist. Die Software habe er auf seinem Firmenserver installiert und den Link zu seinem „Bikelog“ in seinem radelnden Freundeskreis gestreut. 48 Schwachstellen sind bislang in Bild und Wort dargestellt.

Tim Meyer-König muss nicht lange grübeln, um „Klassiker“ zu nennen. Häufige Schwachpunkte seien nicht abgesenkte Kantsteine, die gefährlich werden können, wenn ein Radfahrer seitlich von der Straße auf den Radweg wechseln muss – wie am Fuße der Heinrichstraße kurz hinter der Eisenbahnüberführung. Die Heinrichstraße, rät der Vielradler, sollte man bergab in Richtung Innenstadt ohnehin besser meiden. Wenn sich die Autos wie so oft stauen, bleibt rechts der Kolonne kein Platz, um vorbeizurollen, so dass Radler auf den Gehweg ausweichen. In der Niederlande, wo Meyer-König aufgewachsen ist, gebe es dafür gestrichelte Linien. „Autos dürfen sie überfahren, aber Räder haben hier Vorfahrt.“ Ein ebenso häufiges Problem seien Fußgängerampeln: Die Ampeln seien so angeordnet, dass die Fußgänger gar nicht anders können, als auf dem Radweg auf grün zu warten, beobachtet Meyer-König. Auch dafür habe Holland eine Lösung: eine Stufe, die dafür sorgt, dass Fußgänger Radwege als solche überhaupt wahrnehmen.

Der Flensburger will das Projekt „größer aufhängen“. Und, so betont Meyer-König, nicht die Stadt auf die Anklagebank setzen, sondern Wissen zusammentragen, damit Schwachstellen ausgemerzt werden können. Deshalb hat er sich die Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ins Boot geholt und mit Alexandra Schütte die Stadt Flensburg.

Die 18-jährige Helene Wahl absolviert derzeit ein freiwilliges ökologisches Jahr beim ADFC und hilft bei der Überprüfung der gemeldeten Problemzonen des Radverkehrs. „Man fährt hin und guckt, ob es stimmt“, erklärt sie das Vorgehen.

Alexandra Schütte ist seit 2001 Verkehrsplanerin in Flensburg, seit 2009 mit dem Schwerpunkt Radverkehr, und auch Vielradlerin. „Ein Umdenken hat stattgefunden“, beobachtet sie, und dass der Blick sich mehr auf den Radverkehr richte als noch Jahre zuvor. Dafür, dass nicht bei jedem Kantstein eine so genannte „Null-Absenkung“ möglich ist, hat die Expertin natürlich Erklärungen. In solchen Fällen diene der Absatz in der Regel entweder der Orientierung, etwa für blinde Menschen, oder der Entwässerung. Abgetrennte Rad-Spuren scheiterten meist an der „Restfahrbahnbreite“. Außerdem weiß sie um die „falsche Bescheidenheit der Radfahrer“, die auf manches Recht verzichteten. Schütte scheint mitunter selbst erstaunt über skurrile, aber letztlich rechtlich korrekte Lösungen. Sie habe auch schon Ideen für das „Bikelog“, will damit aber noch bis zum neuen Jahr warten.

Bis dahin gilt es, Meyer-Königs „Bikelog“ zu füttern: Jeder kann Meldungen abgeben, ermuntert er. Das Eintragen klingt einfach, wie er es skizziert: auf „Ereignis-Meldung“ klicken, das Problem verständlich beschreiben, eine Kategorie wählen und die Adresse eingeben. Und am besten auch noch ein Foto.

www.bikelog-flensburg.de

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