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Langballig : „Die Zeit ist viel zu schnell vergangen“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Anni Grauert aus Langballig feiert heute ihren 100. Geburtstag. Die Seniorin ist fit, versorgt sich weitgehend selbst und steckt voller Unternehmungsgeist.

Erst kürzlich war Anni Grauert vorsorglich beim Arzt und verkündet nun frohgemut das Ergebnis: „Mir fehlt nichts!“ Das ist bemerkenswert für jemanden, der heute 100 Jahre alt wird. Denn viele, die deutlich jünger sind als sie, können das nicht von sich behaupten. „Ich bin ein Sonntagskind!“, sagt Anni Grauert. Sie findet ihr Leben nach wie vor interessant und lebenswert, „die Zeit sei nur viel zu schnell vergangen“.

Geboren wurde Anni Grauert in Osterholz (heute Gemeinde Westerholz) als Tochter des in der ganzen Region angesehenen Bootsbauers Peter Hansen. Ihre Mutter, eine Polin aus der Gegend von Krakau, war jeweils mit Jahresverträgen in Österreich oder Deutschland beschäftigt, zuletzt als Magd auf dem Gut Hemmelmark bei Eckernförde. Davon hat sie später viel erzählt, denn „Hausherr war Großadmiral Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder von Kaiser Wilhelm II.“. Zurück nach Polen wollte sie einerseits nicht. Andererseits war sie aber auch nicht so ohne weiteres bereit, den 30 Jahre älteren verwitweten Bootsbauer Hansen zu heiraten, wie sie später einmal ihrer Tochter gegenüber zugab. Sie habe etwas überredet werden müssen, erinnert sich Anni Grauert an ihre Worte.

Zu den zwei Stieftöchtern kamen bald zwei eigene hinzu. In der Abnahme der Familie wohnte seit 1913 der bekannte Maler Erich Heckel, der später das Nachbarhaus kaufte. An ihn und seine Frau Sidi kann sich die Jubilarin noch sehr gut erinnern.

Nach dem Abschluss der achtjährigen Volksschule war Anni Grauert einige Jahre in verschiedenen Haushalten in Stellung. „Als ‚Binnendeern‘ auf einem Hof in Husby verdiente ich zehn Reichsmark im Monat.“ Später in Preetz bei Kiel lernte sie den Bäcker Heinrich Grauert kennen. Geheiratet wurde am 23. Dezember 1939. Die Familie, zu der bald zwei Töchter und zwei Söhne gehörten, wohnte zunächst in Langballigau und später in ihrem Elternhaus in Osterholz. Mit dabei waren Mutter und Schwiegermutter. „Weil sich beide um den Haushalt kümmerten, wurde mir langweilig, und ich arbeitete 15 Jahre lang bis zur Rente bei Redlefsen in Satrup“, sagt Anni Grauert.

1991 starb ihr Mann, und wenig später verkaufte sie das Anwesen in Osterholz und zog 1993 in die gerade fertiggestellte Seniorenwohnanlage in Langballig. Dort lebt sie noch heute und fühlt sich sehr wohl. „Arzt, Apotheke, Kaufmann, Amt, alles ist in unmittelbarer Nähe.“ Es folgte eine Zeit mit sehr vielen Reisen, durch ganz Europa und sie besuchte ihre auf der australischen Insel Tasmanien lebende Tochter.

Diese kehrte vor zwei Jahren nach Deutschland zurück und wohnt jetzt in Westerholz. Von dort betreut sie ihre Mutter, räumt aber ein: „Sie regelt das meiste noch selbst und steckt voller Unternehmungsgeist.“ Zum Frühstück der deutlich jünger aussehenden rüstigen alten Dame gehört regelmäßig die Lektüre des Flensburger Tageblattes, abends wird das politische Geschehen in den Nachrichten aufmerksam verfolgt und mit deutlichen Worten kommentiert. Ansonsten pflegt sie die Hobbys Nähen und Handarbeiten auf sehr hohem, kunstfertigem Niveau. Das gleiche gilt für das Malen und Zeichnen, was sie noch mit sicherer Hand beherrscht. „Die künstlerische Ader habe ich von meinem Vater geerbt.“

Am heutigen Vormittag gibt es einen kleinen Empfang für offizielle Gäste. Nachmittags geht es dann in einem geschmückten Oldtimer nach Glücksburg ins Strandhotel zu einer Feier mit Familie und Nachbarn. Als sie diesen Ablauf kurz skizziert, strahlen Anni Grauerts Augen vor freudiger Erwartung.

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