Ein Baum und das Baurecht : Die wundersame Rettung einer Buche

Doppelt schön: Die einen erfreuen sich an der prächtigen Buche im Hintergrund, die anderen demnächst an neuen Reihenhäuschen in Fruerlund.
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Doppelt schön: Die einen erfreuen sich an der prächtigen Buche im Hintergrund, die anderen demnächst an neuen Reihenhäuschen in Fruerlund.

Das lange Ringen um einen prächtigen alten Baum in Fruerlund gibt Aufschlüsse über das schwierige Miteinander von Baubehörden und Bürgern.

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30. September 2017, 06:34 Uhr

Vorab die gute Nachricht: Sie ist gerettet. Doch was sich in den vergangenen drei Jahren rund um eine über 100 Jahre alte Buche zwischen Mürwiker, Gerhart-Hauptmann- und Fruerlunder Straße ereignet hat, wirft viele Fragen auf. Dennoch erzählt das Ringen um eine Buche, die weit älter ist als alle umliegenden Häuser in Fruerlund, viel über das zuweilen schwierige Miteinander von Bauverwaltung und Bürgern in Flensburg.

Die Geschichte beginnt damit, dass die schützenswerte Buche im Bauantrag vergessen wird. Oder wird sie bewusst unterschlagen? Jedenfalls erteilt die Stadt Baurecht. Klar, ist ja kein Baum da. Auf dem Papier. Als ein Nachbar das Rathaus darauf hinweisen, dass hier ein prächtiger Baum steht („ich sehe ihn doch“), ist es zu spät: „Leider erstreckt sich die Flensburger Baumschutzsatzung nicht auf Bäume in dem Bereich eines Grundstücks, in welchem ein Rechtsanspruch auf die Errichtung einer baulichen Anlage besteht“, heißt es in der Antwort der Unteren Naturschutzbehörde aus dem Jahr 2016 an Henning Alberti, einen der Nachbarn.

Bedeutet das also: Wer einmal Baurecht hat, darf bauen, auch wenn womöglich wichtige Informationen vor der Genehmigung unterschlagen wurden? Die schöne alte Buche sollte übrigens nicht für die fünf Reihenhäuser weichen, die jetzt an der Gerhart-Hauptmann-Straße 5 entstehen sollen, sondern für eine Fertiggarage zur Unterbringung von Gerätschaften dafür.

Im gleichen Sommer 2016 stellt Andreas Rothgaenger als Vorsitzender des Forums Fruerlund in einem Brief an die Stadt und die Ratsfraktionen fest, „dass zwei auf diesem Grundstück befindliche größere Bäume im Rahmen der Baumschutzordnung unberücksichtigt blieben“ und erkundigt sich, „über welchen offiziellen Weg die Beteiligung des Forums Fruerlund im Vorfeld dieser Planungen“ erfolgt sei. Der Planungsausschuss hatte das Vorhaben bereits im November 2014 behandelt und später unisono durchgewunken.

Aber stehen die Bäume wirklich auf dem betreffenden Baugrundstück? Das ist für etliche Anwohner zumindest fraglich, die das Dilemma am Dienstag noch einmal im Forum Fruerlund zum Thema machten. Manuela Seidel, direkte Nachbarin im Westen, und Familie Alberti gehen davon aus, dass der Baum zumindest teilweise nicht auf dem Baugrundstück steht, dass in diesem Frühjahr der Harrisleer Bauunternehmer Dirk Weisheit vom zwischenzeitlich verstorbenen ursprünglichen Investor übernommen hat: „Wir sind alle der Ansicht, dass er ebenso auf dem Grundstück Fruerlunder Straße 3 und Gerhart-Hauptmann-Straße 3 steht und daher nicht ohne weiteres gefällt werden kann“, so die Nachbarn. Daraufhin macht sich Grünen-Ratsherr Jochen Gurth bei der Stadt kundig. Antwort aus dem Rathaus: Grenzfeststellung sei nicht Aufgabe der Stadt – und damit reine Privatangelegenheit der Nachbarn. Also müsse man sich jetzt beim Katasteramt auf eigene Kosten darum kümmern, auf wessen Grund die Buche steht.

Nach Ratsherr Gurth wendet sich am Mittwoch auch das Tageblatt mit einem kleinen Fragenkatalog an die Stadt und den Investor. Daraufhin schaltet sich Oberbürgermeisterin Simone Lange ein, die von den Nachbarn auch schon angeschrieben worden war und sich anlässlich der Eröffnung der erneuerten Gerhart-Hauptmann-Straße im Frühjahr selbst ein Bild gemacht hatte. Nach einem Telefonat zwischen Lange und dem Bauunternehmer meldet sich Dirk Weisheit, der wochenlang für Forum und Nachbarn nicht erreichbar gewesen sei, ans Tageblatt und erklärt: „Ich habe definitiv nicht vor, diese Bäume zu fällen.“ Er habe das Bauprojekt erst vor wenigen Monaten übernommen – und mit den aktuellen Änderungen sei die alte hohe Buche gar nicht mehr bedroht.

Ende gut – alles gut? Oberbürgermeisterin Simone Lange will den merkwürdigen Fall und vor allem das ungewöhnliche Procedere im Rathaus dennoch aufarbeiten lassen: „Mein persönliches Rechtsempfinden ist angekratzt“, erklärt sie und fragt sich: „Was ist, wenn das Schule macht?“

Für die Nachbarn in Fruerlund (hochdeutsch: Frauenwäldchen) hat sich die Beharrlichkeit nun doch noch gelohnt: „Wir sind alle total erleichtert“, sagt Alberti. Manuela Seidel indes hat ihre Klage vor dem Verwaltungsgericht gegen die Art und Weise, wie das Baurecht zustande gekommen ist, noch nicht zurückgenommen. Für sie bleiben immer noch Fragen: Wieso sei dieses Grundstück als einziges aus dem Sanierungsplan herausgenommen worden? Und wieso sei das erhaltenswerte Haus seinerzeit in einer Nacht- und Nebelaktion von zwei Männern mutwillig zerstört worden? Auch mit der geretteten Buche sind in Fruerlund offenbar noch nicht alle Fragen beantwortet.

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