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Flensburger Tageblatt

15. Dezember 2017 | 04:03 Uhr

Trauer : Die Würde der namenlosen Kinder

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar rückt am Volkstrauertag das Gedenken an die jüngsten Opfer des Krieges in den Vordergrund

shz.de von
erstellt am 14.Nov.2014 | 16:15 Uhr

Es war am 2. Mai 1945 zwischen 23.18 und 23.42 Uhr, als die Bomben fielen. Es war einer der wenigen Luftangriffe auf Flensburg während des 2. Weltkriegs. 56 Menschen fanden in dieser Nacht den Tod, darunter waren auch 20 Kinder. Es waren Kinder, die erst wenige Tage oder Wochen zuvor mit dem großen Flüchtlingstreck aus dem Osten hier angekommen waren. „Einige hatten ihre Eltern auf dem langen Treck verloren“, sagt Swetlana Krätzschmar, die sich intensiv mit den schrecklichen Geschehnissen vor fast 70 Jahren beschäftigt hat.

Das hat seinen Grund. Die Stadtpräsidentin wird am Volkstrauertag am kommenden Sonntag auf dem Friedhof Friedenshügel die Worte zur Totenehrung sprechen. Statt jedoch wie üblich zwei wird sie in diesem Jahr erstmals drei Kränze auf dem Friedhof Friedenshügel ablegen. Es soll jener Kinder gedacht werden, die in dieser Nacht im Mai 1945 ihr junges Leben verloren, die schon als Waisen nach Flensburg kamen, „zum Teil so klein, dass sie noch nicht einmal ihren Namen sagen konnten“, hat die Stadtpräsidentin herausgefunden. Andere Kinder wurden in den Wirren der letzten Kriegstage und angesichts der großen Zahl von Flüchtlingen nicht mehr namentlich registriert. Das sind „die namenlosen Kinder“, die seitdem auf dem Friedenshügel begraben liegen. „Ich möchte den Kindern auf diese Weise ihre Würde wieder geben“, sagt Swetlana Krätzschmar, und man spürt, dass sie das furchtbare Schicksal dieser Kinder heute immer noch emotional stark berührt.

Seit vielen Jahren wird am Volkstrauertag bei der Gedenkfeier auf dem Friedenshügel ein Kranz am zentralen Denkmal niedergelegt, ein weiterer bei den Gräbern der Kinder aus dem dänischen Kindergarten Mariehjem, die bei einem Luftangriff 1943 im Bunker der Fischfabrik an der Batteriestraße ums Leben kamen. „Es kamen damals noch mehr Menschen ums Leben“, sagt Stadtarchivar Broder Schwensen, „doch es war damals der Wunsch der dänischen Minderheit, dass diese Kinder eine eigene Grabstätte bekamen.“

Für Swetlana Krätzschmar gibt es noch weitere Gründe für ihre Initiative, die sie als eine Ergänzung des bisherigen Gedenkens sieht. „Auf dem Friedenshügel liegen noch weitere Kinder, denen bisher wenig Beachtung geschenkt wurde“, sagt sie. Kinder von polnischen Zwangsarbeiterinnen, die zum Teil noch als junge Mädchen hierher verschleppt wurden. 99 Säuglinge, Kinder und Jugendliche wurden hier beerdigt. Kinder der so genannten Ostarbeiter, die hier ebenfalls ein Gräberfeld haben. „Wenn wir am 23. November der Toten gedenken, dann sollten wir auch ganz besonders an diese Kinder denken“, mahnt die Stadtpräsidentin.

Für die 1954 geborene Swetlana Krätzschmar ist das Wort Krieg kein Wort aus der Vergangenheit, sondern aus der Gegenwart. Es macht sie fassungs- und fast sprachlos, dass es heute wieder Krieg in Europa gibt – in dem Land, aus dem sie stammt – der Ukraine – und in dem heute noch ihre 83 Jahre alte Mutter lebt. Als Kind ist sie mit den Erinnerungen der Älteren an den Krieg aufgewachsen, „und heute spricht meine Mutter angesichts der täglichen Fernsehbilder mehr über den Krieg als früher.“ Krieg, so beschreibt es Swetlana Krätzschmar, „ist ein unfassbares Leid, Zerstörung, Untergang.“ Und so ist das Totengedenken am kommenden Sonntag für sie vor allem eine Mahnung zum Frieden.



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