Interview : „Die Welt verändern, macht gute Laune“

Harald Welzer denkt über eine Auszeit nach – ohne Handy, ohne E-Mail.
Harald Welzer denkt über eine Auszeit nach – ohne Handy, ohne E-Mail.

Der Flensburger Professor Harald Welzer über sein Forschungsgebiet Transformationsdesign, Lust am Gestalten und Charlie Hebdo

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16. Januar 2015, 11:15 Uhr

Flensburg | Herr Welzer, Sie sind Soziologe, haben sich mit Nachhaltigkeitsfragen und Klimafolgen beschäftigt. Sie sind an der Uni Flensburg Professor für Transformationsdesign. Das ist zugleich der Titel ihres neuen Buches zusammen mit Bernd Sommer. Lässt sich in wenigen Sätzen erklären, was ein Transformationsdesigner macht?
Ich kann es versuchen. Unsere Gesellschaften entwickeln sich sehr dynamisch, aber nicht nur in wünschenswerte Richtungen, all die negativen Klimafolgen sind da nur ein Beispiel. Die Transformation ist also „by design or by destroy“ möglich: Wir haben die Wahl zwischen Gestaltung und all den chaotischen, zerstörerischen Prozessen.

Das mag als Forschungsgebiet spannend sein, hört sich aber als Studienfach anspruchsvoll an.

Wir können aus historischen Transformationsprozessen lernen, von denen für uns die Industrialisierung der wichtigste ist. Es gibt aber auch abrupte Prozesse wie den Fall der Mauer 1989. Die Frage ist immer: Wie kann ich versuchen, notwendige Veränderungsprozesse zu gestalten?

Geht es dabei vor allem um die Frage, die knapper werdenden Ressourcen neu zu verteilen?
Es geht auch um Müll und vieles andere. Es macht für immer mehr Menschen keinen Sinn, so unglaublich viele Sachen wegzuwerfen. Und: Wir müssen vor allem weniger produzieren. Man wundert sich manchmal, wie viel weniger von allem man wirklich braucht.


Eine Ihrer Thesen ist: Das Verständnis hinsichtlich ökologisch-nachhaltiger Themen wächst, aber das Verhalten der Menschen ändert sich nicht. Sind Sie Pessimist?
Ich bin kein Pessimist. Warum sollte ich? Wir haben eine Entwicklung geschafft, die uns Freiheit, Sicherheit und Demokratie gebracht hat.

Wenn Sie von Freiheit und Sicherheit sprechen: Wird ein Ereignis wie das Attentat auf Charlie Hebdo unmittelbar Einfluss auf Ihre Arbeit haben?

Dieses Ereignis macht doch noch einmal deutlich, welches der zentrale Wertekern unserer Gesellschaft ist: Das sind Dinge wie Freiheit, Toleranz und Meinungsfreiheit.

Waren Sie von den gewaltigen Demonstrationen in Paris und anderswo für Charlie Hebdo und die Meinungsfreiheit in Europa überrascht?

Die Demonstration mit drei, vier Millionen Menschen in Paris war sensationell – sehr ungewöhnlich. Dagegen fand ich die Resonanz bei der Kundgebung am Dienstag in Berlin am Brandenburger Tor sehr schwach. Ich bin selbst da gewesen. Es war sogar gutes Wetter.


Wenn Sie sich von Ihren Lesern etwas wünschen könnten - was wäre das?

Dass Veränderung etwas ist, das man selber machen kann. Man braucht dafür kein Votum der Weltklimakonferenz, man kann es selbst entscheiden. Und wer beginnt, seine eigene Welt zu verändern, merkt, dass es Spaß macht und bekommt gute Laune. Die Leute schreiben mir, was sie selbst ausprobiert haben. Jemand hat mir geschrieben, dass er zum 60. Geburtstag statt einer blöden Party seine Freunde aufgefordert hat, ihm eine Veränderung zu schenken und sich dann im nächsten Jahr wiederzutreffen und sehen, was sich getan hat. Das finde ich cool.

Welche Veränderung hat Ihnen denn zuletzt gute Laune gemacht?

Ich möchte dieses Jahr ein paar Monate eine totale Auszeit nehmen. Zuerst hatte ich die Idee, mit einem Frachtschiff eine Reise zu machen. Aber jetzt bleibe ich vielleicht einfach zu Hause - ganz ohne Handy, ohne E-Mail, ohne Reisen.

Buchvorstellung heute im Kühlhaus

Die westlichen Gegenwartsgesellschaften übernutzen systematisch die natürliche Umwelt. Damit sind sie nicht zukunftsfähig, sagen die Flensburger Forscher Harald Welzer und Bernd Sommer in ihrem neuen Buch „Transformationsdesign – Wege in eine zukunftsfähige Moderne“. Heute um 20.30 Uhr  stellen sie es im Kühlhaus (Mühlendamm 25) vor.

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