Wochen- versus Weihnachtsmarkt Flensburg : Die Vertreibung aus dem Paradies

Wo Flensburgs Herz schlägt: Der Wochenmarkt an der St. Nikolaikirche in voller Blüte.
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Wo Flensburgs Herz schlägt: Der Wochenmarkt an der St. Nikolaikirche in voller Blüte.

Einer der Aufreger des Jahres 2017: Die Verbannung des Wochenmarktes von seinem angestammten Platz in die Große Straße

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03. Januar 2018, 06:47 Uhr

Pest oder Cholera. Am Mittwoch, 11. Oktober 2017, um 9 Uhr werden die Flensburger Wochenmarkthändler vor die Qual der Wahl gestellt. Man könnte auch sagen: Die Stadt setzt ihnen ein Ultimatum.

Denn bis 12 Uhr sollen sie entscheiden, ob sie ihre Stände vom Südermarkt zugunsten des Weihnachtsmarktes auf die Exe, Hafenspitze oder auf Große Straße und Nordermarkt verlegen wollen. Sie ringen sich zu Letzterem durch. „Unter Zeitdruck“, wie Boy Gondesen ausdrücklich betont. „Man hat uns das Messer auf die Brust gesetzt.“ Erst zwei Tage zuvor ist er zum Vorsitzenden des Wochenmarktvereins gewählt worden. „Bis zuletzt“, sagt er, „war uns die Angelburger Straße als neues Domizil zugesichert worden. Wir hatten schon den Aufbauplan besprochen. Andernfalls sollte der Status quo 2016 gelten.“ Doch plötzlich habe man, so hieß es, die Busse nicht umleiten können. Eine späte Erkenntnis.

Ergo: Die aus Flensburg und dem Umland kommenden Landwirte mit ihrem frischen Obst und Gemüse, Blumen-, Käse-, oder Eierverkäufer müssen dem Weihnachtsmarkt weichen. Gegen ihren Willen. Pyramide, Almhütte und Rostocker Rauchwurst statt Waren aus der Region.

Noch am Tag der Veröffentlichung in unserer Zeitung gehen die ersten Leserbriefe ein. Forderungen, doch den Weihnachtsmarkt an den Nordermarkt zu verlegen, werden laut. Auch der Parkplatz Schiffbrücke wird ins Spiel gebracht. „Hier ist Handlungsbedarf von der Verwaltungsspitze her“, heißt es an die Adresse von Oberbürgermeisterin Simone Lange.

In der Folge ergießt sich eine Flut an Leserbriefen über die Schreibtische der Redaktion, Empörung auch in den sozialen Netzwerken. Die Stammklientel und Sympathisanten des Wochenmarktes gehen auf die Barrikaden. 5000 Unterschriften für den Erhalt auf dem angestammten Platz auch in der Adventszeit sprechen eine deutliche Sprache. Die Flensburger lieben ihren Markt – und zeigen das auch. Prangern die Kurzfristigkeit der Maßnahme an, mangelnde Kommunikation und Einwohnerbeteiligung.

Doch Stadtverwaltung und Tourismus-Agentur (Taff) als Veranstalter des Weihnachtsmarktes stehen in dieser Sache fest zusammen. Sie begegnen dem Bürgerprotest, so gut es eben geht. Taff-Geschäftsführer Gorm Casper weist immer wieder auf die prekäre Sicherheitslage hin, die sich durch das einstige Nebeneinander der beiden Märkte ergeben habe.

Dem halten Gondesen und Co. entgegen, dass sich das Problem durch den Auf- und Abbau in der prallvollen Fußgängerzone lediglich verlagert habe. Die Ordnungsbehörde argumentiert, dass die Händler schon monatelang vorher gewusst hätten, dass sie den Südermarkt verlassen müssten. Casper führt zudem die starke Anziehungskraft des Weihnachtsmarktes bis nach Dänemark ins Feld: Mehr Kunden, mehr Kaufkraft für die Innenstadt.

Dennoch wird in der Stadt auf breiter Basis diskutiert, ob man das Ruder in letzter Minute nicht doch noch herumreißen könne. Diese Debatte allerdings hätte man sich sparen können. Erst auf Nachfrage des Tageblatts am 21. November wird bekannt, dass bestehende Verträge mit den Kaufleuten des Weihnachtmarktes ihnen das Recht auf den Südermarkt unwiderruflich zusichern – zumindest für das laufende Jahr.

Es kommt, wie es kommen muss: Die Wahl des „kleineren Übels“ bleibt für die verdrängten Händler nicht ohne Folgen. In der Zeit zwischen dem 22. November und dem 27. Dezember, der Zeit also, in der sie elf Markttage an dem ungeliebten neuen Standort verbringen, brechen die Umsätze ein – um bis zu 50 Prozent! In einer Phase, in der es buchstäblich „um die Wurst“ geht. Einige sehen sich in ihrer Existenz bedroht.

Und die Stadt? Übt Selbstkritik, zumindest in einem begrenzten Rahmen. Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf: „Im nächsten Jahr dürfen wir das Problem nicht erst im Oktober lösen.“

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