Gedenksteine sollen weg : Die Unruhestätte vom Friedenshügel

Joachim Müller vor dem Grab seines Vaters – im Hintergrund die Gedenksteine.
Joachim Müller vor dem Grab seines Vaters – im Hintergrund die Gedenksteine.

„Kein Bezug zu unserer Stadt“: Ein Flensburger Angehöriger eines Weltkriegs-Opfers kämpft um die Entfernung von militärischen Gedenksteinen.

shz.de von
21. Juli 2015, 12:02 Uhr

Der Zweite Weltkrieg ist auf dem Areal des Friedenshügels ein großes Feld. Auch wenn Flensburg von systematischen Bombardierungen verschont wurde, nie eine umkämpfte Festung war – das Gräberfeld auf dem Friedenshügel ist letzte Ruhestätte für die vergleichsweise wenigen Kriegsopfer, die unter schlichten Betonkreuzen in Flensburg begraben sind. Gleich nebenan markieren fünf Granitbrocken eine Unruhestätte. Seit zehn Jahren kämpft der Flensburger Joachim Müller darum, dass sie endlich entfernt werden. Für ihn sind die vom Gelände der ehemaligen Briesenkaserne stammenden Steine hier völlig fehl am Platz.

Der 77-Jährige hat zum Gräberfeld eine besondere Beziehung. Hier liegt sein Vater begraben, der 34-Jährig am Flensburger Innenhafen Opfer der grausamen Kriegslotterie wurde. Ernst Müller hatte den U-Boot-Krieg und Bombennächte in Berlin überlebt. Aber den Zusammenprall mit dem Rotkreuz-Transporter, der an diesem schicksalhaften 18. August 1945 Kriegsgefangene aus Dänemark nach Flensburg ins Lazarett brachte, den überlebte er nicht.

Stabsteuermann Ernst Müller war von der britischen Besatzungsmacht als „frozen personal“ für die Abwicklung der Kriegsmarine nach Mürwik abkommandiert worden. Er war – in Uniform – mit dem Rad auf dem Weg von seiner Wohnung in der Flurstraße zu seiner Dienststelle in Mürwik, als er in Höhe des alten Kanalschuppens von dem DRK-Fahrzeug in den Stacheldraht gedrängt wurde und verblutete. Das Unfallopfer wurde ein Stück Nachkriegsgeschichte. Ein Vierteljahr nach der Kapitulation wurde Stabsteuermann Müller von einem Marinepfarrer auf dem Friedenshügel beerdigt, ein deutsches Militärgericht verurteilte den Unglücksfahrer noch am 25. November 1945 zu 60 Tagessätzen.

Die Friedhofsruhe hielt 60 Jahre lang. Bis die Granitsteine kamen. In Müllers Augen ein vollkommen zusammenhangloses Sammelsurium ohne einen einzigen Bezug zum benachbarten Gräberfeld mit den Weltkriegstoten – und zu seinem Leidwesen auch ohne irgendeine geschichtliche Einordnung für den Friedhofsbesucher. Sie waren, das ergaben später Müllers Recherchen, aufgrund einer Vereinbarung zwischen Flensburgs damaligem Oberbürgermeister Hermann Stell und dem Verteidigungsbezirkskommando 11 in Schleswig von der Bundeswehr angeliefert worden und stammten vom Gelände der im Zuge der Konversion aufgelösten Briesenkaserne.

In der ihm eigenen Akribie recherchierte der Flensburger den Hintergrund jedes einzelnen der Granitbrocken: Die beiden größten haben eine Verbindung zum Ersten Weltkrieg: Auf einem Stein sind die Verlustzahlen aufgelistet und mit den für die damalige Zeit üblichen pathetischen Begriffen untermalt. Der zweite bezeichnet die Einnahme eines französischen Bauernhofs am 27. Februar 1916, zwei kleinere sind Traditionssteine für Regimenter ohne Bezug zu Flensburg, und auch der Namensstein der längst aufgelösten Briesenkaserne (heute: Gartenstadt Weiche) liegt fremdelnd unter einer mächtigen Buche herum. General Kurt von Briesen, so Müller, war nie in Flensburg. Er findet es grotesk, dass die Stadt dem in der ehemaligen UdSSR begrabenen Wehrmachtsoffizier in Flensburg ein Denkmal setzt. Die Beförderung vom Namens- zum Gedenkstein sei alljährlich am Volkstrauertag zu besichtigen bei Kranzniederlegungen durch eine Flensburger Kameradschaft, berichtet Müller. „Der Mann war am Überfall auf Polen, Frankreich und die Sowjetunion beteiligt. Wir hatten gerade den 75. Jahrestag der Siegesparade in Paris. Die hat er dort abgenommen.“

Nein, seinen Frieden wird er nicht machen, mit den auf dem Friedhof entsorgten Steinen. Allerdings wird er wohl auch mit seinem Groll leben müssen. Die Stadt denkt nicht daran, hier noch irgendetwas zu verändern. Aus Sicht der Verwaltung, so deren Sprecher Clemens Teschendorf, ist dieser Vorgang geprüft und abgeschlossen.

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