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Flensburger Tageblatt

24. Oktober 2017 | 01:34 Uhr

Die Straßenbahn mit einer Pferdestärke

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Personenwagen fuhr von der Apenrader bis zur Angelburger Straße und wurde 1907 durch den elektrischen Nachfolger ersetzt

shz.de von
erstellt am 03.Mär.2015 | 17:57 Uhr

Wenn in diesen Tagen der erste Hybridbus mit einem zusätzlichen Elektroantrieb nach Flensburg kommt, beginnt ein neues Zeitalter des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs. 134 Jahre zuvor begann ebenfalls eine neue Ära dieses ÖPNV. Am 1. Mai 1881 ging eine Linie an den Start, die es heute so nicht mehr gibt. Der ÖPNV von damals kam auf dem Weg von der Apenrader Straße bis zur Rathausstraße sogar ganz ohne Motor aus, denn der Personenwagen wurde von einem Pferd gezogen. Der ÖPNV der erste Stunde zuckelte mit 1 PS durch die Stadt. 25 Jahre lang gab es in Flensburg die Pferdebahn.

Wenn man bedenkt, dass dies ein bedeutendes Stück Infrastruktur für die Stadt war, dann überrascht die Rasanz, mit der dieses Projekt geplant und umgesetzt wurde. Erst 1880 beantragte der Bauunternehmer Gülich die Konzession zum Aufbau und Betrieb der Pferdebahn, und nur ein Jahr später rollte sie durch die Stadt! Dabei war der Magistrat anfangs skeptisch, weil zehn Jahre zuvor der Pferde-Omnibus ohne Gleise kläglich gescheitert war. Das lag aber offenbar vor allem an der schon damals schlechten Qualität der Straßenoberfläche.

Der Bau der Bahn begann schon vor der Gründung der Betreibergesellschaft. Ab 3. Februar wurden die Gleise in den Straßenkörper der Neustadt, der Norderstraße, der Großen Straße und später des Holms gelegt. Kein Planfeststellungsverfahren, keine Umweltverträglichkeitsprüfung, keine förmliche Bürgerbeteiligung und offenbar auch keine Klagen: Am 1. Mai fuhr die erste Pferdebahn, und sie wurde sofort gut angenommen. Die Wagen kamen aus Berlin, und wie die Zeitung damals berichtete, gefielen sie durch ihr „elegantes und gefälliges Aussehen“. Zwei Monate später wurde auch das verbleibende Teilstück bis zur Angelburger Straße in Betrieb genommen.


Im ersten Jahr nutzten 530  000 Passagiere die Pferdebahn


Ein Haltestellenmanagement war nicht erforderlich, weil es keine Haltestellen gab. Die Pferdebahn hielt auf Bedarf, ein Handzeichen genügte. Die Pferdebahn war eingleisig; an einigen Stellen gab es Ausweichgleise, so dass zwei Gespanne aneinander vorbei fahren konnten. An den Endstationen gab es keine Wendeschleifen, sondern die Gleise endeten einfach im Pflaster. Das Pferd wurde ab- und an der anderen Seite wieder angespannt. Und so ging es in der Gegenrichtung weiter.

Der ÖPNV der ersten Stunde war also nicht öffentlich, sondern privat – und machte gleich Profit. Im ersten Betriebsjahr verzeichnete der Geschäftsbericht immerhin 530  000 Passagiere und Fahrgeldeinnahmen von 52  824 Mark und 68 Pfennig.

Doch der Anfangserfolg war nur ein Strohfeuer. Schon bald gingen die Fahrgastzahlen zurück. Das Tempo war doch eher gemächlich und der Zeitgewinn auf der doch relativ kurzen Strecke überschaubar. Schließlich musste niemand zum Plack, nach Harrislee oder nach Weiche, der ÖPNV beschränkte sich auf das Fördetal.

1898 übernahm Hieronymus Kuhrt die Leitung der Bahn. Er verkürzte den Takt von acht auf aus heutiger Sicht traumhafte fünf Minuten und verlängerte die Linie bis zur Angelburger Straße. Und es wurde schon damals Arbeitskraft eingespart: Zahlbüchsen beim Kutscher ersetzten die Schaffner.

Doch es war absehbar, dass die Pferdebahn kein Modell für die Zukunft war. Die auf 25 Jahre befristete Konzession wurde vom Magistrat nicht verlängert und endete demzufolge 1906. Die Zukunft der ÖPNV war damals – und ist heute womöglich wieder – elektrisch. Am 6. Juli 1907 fuhr die erste Straßenbahn mit Strom durch Flensburg. In Deutschland endete die Ära der Pferdebahn 1928 in Zerbst (Sachsen-Anhalt).

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