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Flensburger Tageblatt

19. Oktober 2017 | 18:59 Uhr

Möwenplage : Die Stadtwerke krächzen zurück

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Vogelplage auf dem Kraftwerksgelände war verantwortlich für den Blackout vom 8. August. Die Vergrämung mit tierischen Warnlauten war erfolgreich.

shz.de von
erstellt am 02.Okt.2015 | 08:00 Uhr

Flensburg | Für Leute, die sich nicht ständig im Küstenland Schleswig-Holstein aufhalten, ist ihr Krächzen maritime Folklore. Zum Leidwesen der Sesshaften hier stehen Lach-, Silber-, Sturm- und sonstige Möwen aber nicht nur auf Hafenpollern als maritimes Motiv herum – sie haben wie die meisten Tiere die Neigung, „ihren“ Lebensraum zu besiedeln. Sehr zum Leidwesen der Flensburger Stadtwerke hatten die Vögel das weitläufige Betriebsgelände an der Batteriestraße zu einem ihrer absoluten Lieblingsquartiere erkoren. Damit ist seit kurzem Schluss. Die Stadtwerke nämlich krächzen zurück.

Die Vögel waren in den letzten Jahren für die Stadtwerke in einem Maße zum Problem geworden, das ihnen betriebsintern wirklich der Hitchcock-Titel „Die Vögel“ verpasst wurde. Die prosperierende Population siedelte auf den geräumigen Dachlandschaften ringsherum und betrachtete das zergliederte Betriebsgelände im übrigen als ihr Territorium. Da aber die Stadtwerke für bummelig 1000 Menschen ebenfalls von zentraler Bedeutung sind, konnten Konflikte nicht ausbleiben. Erhard Jahn, Teamleiter im Gebäudemanagement, Christian Karstens, Bereichsleiter Service und Dirk Storm als Abteilungsleiter für die Arbeitssicherheit hatten dienstlich dauernd mit dem Federvieh zu tun. Besonders, wenn die Jungvögel Bodenübungen absolvierten, konnte es für Betriebsangehörige gefährlich werden. Dann gab’s regelmäßig Sturzattacken.

Es war nicht nur die tückischen Steilangriffe, es waren auch ganz normale Alltagsbegegnungen, die täglich schnelles Wegducken erforderten. Etwa dann, wenn einem beim arglosen Begehen des Grundstücks auf Augenhöhe plötzlich auf Kollisionskurs eine Silbermöwe (Spannweite bis 1,55 m) begegnete. Aus einem unerfindlichen Grund hatten die Möwen zudem das Verwaltungsgebäude mit der Technischen Abteilung und der Vertriebsabteilung sowie die Schaltwarte als Lieblingsgebäude auserkoren. Hier wurde fleißig genistet – vor allem aber kommuniziert. „Es war nicht zum Aushalten!“, sagt Jahn, der dort sein Büro besitzt. „Ans Fensteröffnen war wegen des Lärms nicht zu denken.“

Die mangelnde Rücksichtnahme der Möwen auf die zweibeinigen Nachbarn setzte sich auf anderen Gebieten nahtlos fort. Hunderte Vögel, jedes mit einem Verdauungssystem ausgestattet, bildeten eine latente Gefahr für Hunderte auf Freiluftparkplätzen abgestellte Autos. „Wenn Du den Schiet nicht binnen 24 Stunden beseitigt hast, hat Dein Lack ein Problem,“ sagt Jahn. Übrigens dieselben Vögel, die einem ahnungslosen Kind das Vanille-Eis raubten. Zu ihren besten Zeiten hatten es die Möwen geschafft, die Kohle-Pier in eine No-Go-Area zu verwandeln. „Alles weiß “, erinnert sich Karstens. „Wer hier durch musste, hatte ein mulmiges Gefühl. Viele haben die Pier ganz gemieden.“

Zwei Ereignisse brachten Bewegung in die Angelegenheit. Am 8. August segelte eine gefiederte Stadtwerke-Bewohnerin gegen zwei unter 60 000 Volt Spannung stehende Anschlussstellen und sorgte für einen Riesen-Kurzschluss, der in ihrem Fall tödlich, ansonsten aber sehr teuer war. Im gleichen Zeitraum sendete NDR III einen Beitrag über den Yachthafen Wackerballig, der das Möwenproblem mit Möwengeschrei gelöst hatte, und Christian Karstens saß zufällig vorm Fernseher. Wenig später waren die Stadtwerke ihre Plage los. „Das war für uns der Anstoß,“ sagt Karstens. Fünf Anlagen mit leistungsfähigen Hochdruckkammer-Lautsprechern beschallen seither das Betriebsgelände mit Alarmrufen von sieben Möwenarten. Ein Prozessor steuert ein auch für Möwen unentschlüsselbares Zufallsmuster für nur sekundenlange Kreisch-Sequenzen, die im Ein- oder Zwei-Stundenrhythmus gesendet werden. „Seither ist Ruhe!“ freut sich Karstens. Als die Anlage angeschaltet wurde, erhob sich der Schwarm – und ward nicht wieder gesehen. „Das sah nun wirklich aus wie bei Hitchcock. Sogar vom Gelände der FSG und des benachbarten Yachthafens sind sie verschwunden.“ Dass die Vögel zurückkehren könnten, glaubt keiner. „In Wackerballig funktioniert das System seit einem Jahr“, sagt Jahn. Nur eine einzige Möwe ist im Hafen geblieben. Die wird wohl taub sein.“

 

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