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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Die Schule der Maschinisten

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Ur-Ahnin der Fachhochschule begann am 1. Oktober 1886 den Betrieb. Flensburg ist bei der Ausbildung von Seemaschinisten führend.

shz.de von
erstellt am 15.Mär.2015 | 13:30 Uhr

Flensburg | Die Navigationsschule konnte nur ein Anfang sein. Seit 1877 wurden an der Flensburger Munketoft die Nautiker in einer eigenen Schule ausgebildet. 1886 zog das technische Personal nach. Der Siegeszug der Dampfschifffahrt machte es nötig. In der Schloßstraße 35 bezog die staatliche Fachschule für Maschinisten der Seedampfschiffe Quartier. Die Gründung – erste ihrer Art in Preußen – sollte eine besonders nachhaltige Wirkung für die Stadt entfalten. In ihrer direkten Ahnenreihe steht nämlich die Fachhochschule, die wiederum als Keimzelle des Flensburger Campus mit heute fast 10  000 Studierenden gilt.

James Watts 1769 patentierte Maschine hatte binnen hundert Jahren Leben und Arbeit der Menschen auf den Kopf gestellt. Industrie und Verkehr erkannten früh die großen Möglichkeiten der neuen Technik. 1835 fuhr in Deutschland die erste Dampfeisenbahn, 1833 hatte es die erste Atlantiküberquerung ausschließlich unter Dampf gegeben, und auch, wenn es noch weitere hundert Jahre dauern sollte, der Untergang der gewerblichen Segelschifffahrt hatte begonnen.

Die in ihren Kinderschuhen steckende launische Dampftechnik stellte neue, höhere Anforderungen an das Bedienungspersonal. In den engen und heißen Maschinenräumen der immer größer werdenden Schiffe schufteten Trimmer und Heizer unter höllischen Bedingungen und in ständiger Lebensgefahr. In den Chroniken dieser Jahre tauchen regelmäßig Berichte über Kesselexplosionen, Leitungsbrüche und anderes Versagen der komplexen Technik bzw. ihrer Bediener auf – Ereignisse, mit meist entsetzlichen Folgen für die Menschen. Es war also kompetentes Personal für die Bedienung und Wartung der Maschinen dringend erforderlich. Personal, dass aber nur schwer zu bekommen war, weil der Seeverkehr mit den neuen Dampfschiffen enorme Steigerungsraten verzeichnete und großen Personalhunger entfaltete. 1836 soll es bereits weltweit 600 dampfgetriebene Handelsschiffe gegeben haben, nicht mal 50 Jahre später wurden allein in Flensburg 43 Dampfer (bei noch 156 Segelschiffen) gelistet. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum 1882 auf Druck der Reeder über die Handelskammer an den preußischen Minister für Handel und Gewerbe, Fürst Otto von Bismarck, das Flensburger Ansinnen erging, eine öffentliche Lehranstalt für Maschinisten einzurichten.

Die „Zöglinge“ von Schuldirektor Franz Ballauf – von Beruf Kaiserlicher Marineingenieur und Zivilingenieur – absolvierten in dem ehemaligen Schützenhaus halbjährige Kurse, die je nach angestrebtem Patent zwischen 20 und 50 Mark kosteten. Heutige Patentanwärter finden in Flensburg modernste Ausbildungsvoraussetzungen und können unter realistischen Bedingungen den Bordeinsatz studieren. Das galt auch für ihre Vorgängerin – jedenfalls unter zeitgenössischen Aspekten. Der Maschinenpark des Maschinenraums der Seemaschinistenschule nämlich war vom Flensburger Tischlermeister Eichwald aus Holz gebaut. Er habe die ungewohnte und schwierige Arbeit zur vollsten Zufriedenheit ausgeführt und in Anerkennung dessen die bronzene Staatsmedaille erhalten, heißt es in zeitgenössischen Quellen. Unter den Fachschulen Preußens galt Flensburgs stetig wachsende Sammlung physikalischer, mechanischer (und später) elektrischer Apparate als die umfangreichste. Und das blieb auch bis heute so. Im September 1933 kamen Nautik und Technik unter dem Dach der Navigationsschule als neue „Technische Staatslehranstalt für Schiffsingenieure und Seemaschinisten sowie Seefahrtschule Flensburg“ zusammen, 1969 dann der tiefe Schnitt, als die Ausbildung der Techniker und Maschinisten bei der Neuausrichtung zur Fachhochschule in den städtischen Bereich der beruflichen Bildung ausgegliedert wurde.

Auch die neu geschaffene FH musste mit Enttäuschungen leben. Immerhin durfte sie kurz davon träumen, Technische Universität zu werden. 1975 beschloss der Landtag ein Gesetz über die Errichtung der TH Flensburg, aber als die FH im April 1979 in den Kuben A und B auf dem Sandberg einzog, hatte sich das Projekt schon erledigt. Wie auf dem Campus sichtbar wird, war die Entwicklung seither dennoch beeindruckend. Es gibt noch reichlich Reserve – auch in der Hoffnung. „In diesem Jahrtausend nicht mehr“, hatte Kultusminister Dr. Peter Bendixen die Realisierungschance einer TU auf dem Sandberg beziffert. Das war 1982. Also im letzten Jahrtausend.

 

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