Prozess : Die Schule der falschen Kapitäne

Schiffe der Wasserschutzpolizei: Der Angeklagte  half  in allen beruflichen Lebenslagen mit Dokumenten und Nachweisen aus.
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Schiffe der Wasserschutzpolizei: Der Angeklagte half in allen beruflichen Lebenslagen mit Dokumenten und Nachweisen aus.

Ein ehemaliger Wasserschutzpolizist erstellt gefälschte Urkunden für nautische Karrieren - und erhält dafür eine Bewährungsstrafe. Sein Motiv für den Betrug bleibt aber unklar.

shz.de von
04. November 2013, 08:00 Uhr

Auch „kleine“ Leute können eine sehr große Fallhöhe erreichen. Im Saal des Schöffengerichts in Flensburg fiel aus großer Höhe der 47-jährige ehemalige Polizeiobermeister T. M. besonders tief. 15 Monate wegen Betrugs in besonders schwerem Fall und Verlust der Beamtenprivilegien. Bewährung – immerhin.

Warum er leichtfertig seine Pension verspielte, bleibt sein Geheimnis. Richter Roland Stolle und seine Schöffen konnten kein Motiv erkennen – zumal sich kriminelles Gewinnstreben nicht nachweisen ließ. „Das ist uns völlig unerklärlich.“ Der Wasserschutzpolizist T. M., das gilt nach der Urteilsverkündung als erwiesen, hat 17 Mal versucht, bei den für die Fahrtlizenzen auf See zuständigen Behörden mit gefälschten Dokumenten technische und nautische Befähigungszeugnisse zu erlangen. Und zwar für Dritte – nicht für sich selbst. Zwei Mal war er erfolgreich. Gebracht hat ihm das nichts. Die Kollegen von einst grüßen nicht mal mehr, als er in Begleitung seines Anwalts erscheint.

Wenigstens ist der Vorsitzende Richter erleichtert, dass T. M. auftaucht. Zum ersten Termin im August war der Polizist gar nicht erst angetreten, und trotz eines Haftbefehls schaffte es T. M., untergetaucht zu bleiben. Aber davon ist jetzt nicht mehr groß die Rede. Der Angeklagte wird mit seinem Anwalt gleich zum Rechtsgespräch gebeten. Man einigt sich schnell. Bewährungsstrafe im Gegenzug zum Geständnis. T. M. räumt seine volle Schuld ein. „Es tut mir Leid“, sagt er. Aber weitere Angaben macht er nicht. „Das soll’s gewesen sein.“

Dem Gericht erspart das ein langwieriges Verfahren – und etlichen Behördenmitarbeitern wohl auch peinliche Momente im Zeugenstand. So wie es scheint, hat T. M. ohne große Probleme auf dem Fotokopierer „amtliche“ Dokumente herstellen können, die bei der BG Verkehr und beim Bundesamt für Seefahrt und Hydrographie kein Misstrauen erregten. Der Polizist half in allen beruflichen Lebenslagen mit Dokumenten und Nachweisen aus. Teilnahmebescheinigungen über Erste-Hilfe-Kurse bei der Berufsfeuerwehr, über „erfolgreich“ absolvierte Seemannschaftslehrgänge auf den Schulen der Wasserschutzpolizei, wiederholt auch „beglaubigte“ Nachweise, dass Antragsteller eigenverantwortlich als Offiziere an Bord der Polizeiboote im Einsatz waren – das alles sollte Karrieren befördern, die ohne die Urkundenfälschungen nie möglich gewesen wären. Wie jene des Flensburger Förde-Schippers zum Beispiel, den T. M. mit gefälschten Dokumenten zum Kapitän für ein See gehendes Schiff in Nationaler Fahrt befördern wollte. Wie die meisten der 17 Betrugsversuche ging auch dieser schief. Mit der Folge, dass der Käpt’n auf dem Fördedampfer gar kein richtiger Käpt’n war und ohne Fahrerlaubnis auffällig wurde. Der Mann ist inzwischen vom Amtsgericht zu einer saftigen Geldstrafe verurteilt und teilt mit T.M. eine bittere Erfahrung: den Verlust der Pensionsansprüche. Käpt’n war der Mann nämlich nur im Nebenjob. Im Hauptberuf war er Kollege des Polizisten. In der Polizeiverwaltung, 35 Jahre lang.

„Es ist hart“, gestattete T. M. einen Blick in sein Innenleben. Aber so ganz ließ Stolle das nicht gelten – in Anbetracht der falschen Kapitäne und Brandbekämpfer und Rettungsbootsleute die um ein Haar erschaffen worden sind. „Man muss sich auch mal vorstellen, was da alles hätte passieren können. . .“

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