Historischer Hafen Flensburg : Die Rettung der „Solitüde“

Erinnerungen werden wach: Vereinsvorsitzender Rudi Green (li.) und der 88-jährige Otto Hinz.
Erinnerungen werden wach: Vereinsvorsitzender Rudi Green (li.) und der 88-jährige Otto Hinz.

Otto Hinz, ehemaliger Kapitän der Schlepperbarkasse, lässt die Geschichte Revue passieren

shz.de von
07. August 2018, 06:15 Uhr

In Hamburg-Neuenfelde fand sie ihren Anfang, in Flensburg fast ihr Ende: die „Solitüde“. Dabei prägt die Schlepperbarkasse heute maßgeblich das Bild des Historischen Hafens. Im Rahmen unserer Sommerserie erzählt ein ehemaliger Kapitän über die Geschichte.

Die Passagiere steigen an Bord der „Viking“. Zahlreiche Blicke fallen auf den gegenüberliegenden Steg, auf ein Schiff, das altmodisch anmutet – und durch die frische Lackierung doch wie neu wirkt: die Schlepperbarkasse „Solitüde“. Auf dem Buckel hat das Schiff schon viele Jahre, die Otto Hinz selbst miterlebt und geprägt hat.

Der heute 88-Jährige war dabei, als der Schlepper um 1945 nach Flensburg kam – 19 Jahre später wurde er Kapitän der „Solitüde“. An der Förde lebt er schon sein Leben lang und wuchs von klein auf am Wasser heran. „Jetzt lernst du schwimmen, dann kaufe ich dir, wenn du groß bist, ein Boot“, erinnert sich Hinz an die Worte seines Vaters.

Gesagt, getan: Sein Vater brachte ihm das Schwimmen bei, worauf die Familie 1936 um ein Fischerboot reicher war. Bei den Fischertouren mit seinem Vater sammelte Hinz Erfahrungen, die er später auf der Schlepperbarkasse brauchen sollte. An anderer Stelle, in Hamburg-Neuenfelde, lief die spätere „Solitüde“ 1943 vom Stapel und fuhr im Dienst der Reichsmarine – damals noch unter dem Namen „Bille“.

Nachdem der Schlepper bereits zwei Jahre in Flensburg gelegen hatte, kaufte ihn 1947 ein lokaler Kapitän – ohne Glück: „Ende der 40er wurde der Motor in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ausgebaut und geklaut“, kann sich Hinz entsinnen. Lediglich der Rumpf blieb übrig, der 1949 an die Stadt verkauft wurde. Noch im selben Jahr bekam die Schlepperbarkasse ihren aktuellen Namen: „Solitüde“.

1960 wurde schließlich ein 120 PS-starker Motor montiert, der bis heute seinen Dienst tut. Zur selben Zeit arbeitete Otto Hinz bei den Stadtwerken – bis 1964, als er den Job des Schiffsführers der Solitüde übernahm. „Morgens um sieben ging es an Bord, abends um vier war Feierabend“, weiß Hinz.

Eine seiner ersten Amtshandlungen war ein selbst gefertigter Klappsitz im Steuerhaus, der bis heute genutzt wird: „Wenn die Kinder im Führerhaus sind, setzen sie sich gerne drauf“, erzählt Rudi Green, Vorsitzender des „Vereins zur Erhaltung der Solitüde“.

Mit Blick auf die heutige Schlepperbarkasse kann sich Hinz einzig an den Klappsitz und das Holzsteuerrad erinnern. Schließlich ist die Solitüde inzwischen nur noch im Einsatz für Ausflüge auf dem Wasser. Im Einsatz für Bauarbeiten im Hafen, Bojenauslegungen und Schlepparbeiten war sie bis 2004. Der Kapitän bis 1990 hieß Otto Hinz, der viele Geschichten in petto hat: „In den 70ern haben wir in einer Ankerverbotszone in Flensburg unseren Anker geworfen“, schildert Hinz. Was er nicht bedacht hatte: Mit dem Anker wurde ein Kabel beschädigt. „Ganz Mürwik war ohne Strom“, sagt Hinz.

Ein Getriebeschaden setzte die Solitüde 2004 außer Gefecht. Ungenutzt lag das Schiff an Land – bis 2009, als der „Verein zur Erhaltung der Solitüde“ gegründet wurde. „Eine kleine Aufwertung sollte die Solitüde für den Hafen sein“, erklärt Green. Viel Zeit und Geld wurde zur Herrichtung aufgebracht, sodass sie heute wieder Wasser unter dem Kiel hat. Otto Hinz ist noch immer mit der Schlepperbarkasse verbunden: „Gerne gehe ich am Hafen spazieren – an der Solitüde mache ich immer einen Halt.“

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