zur Navigation springen

Mensch des Jahres : Die Retter der St.-Jürgen-Kirche

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Förderverein bringt 140 000 Euro zusammen – und leistet einen enormen Beitrag zur Sanierung des Gotteshauses.

shz.de von
erstellt am 09.Nov.2015 | 11:00 Uhr

Flensburg | Der Schock war gewaltig. Loser Putz bröselte auf das Haupt des andächtigen Gottesdienstbesuchers, bedenkliche Risse im Kreuzrippengewölbe taten sich auf. Bis zu 20 Zentimeter tief konnte man stellenweise ins Mauerwerk eindringen. Es gab keine Alternative: Nach einer dringenden Empfehlung von Statikern musste die Kirche St. Jürgen im Juli 2012 prophylaktisch geschlossen werden.

Das Ausmaß des Schadens war zu diesem Zeitpunkt kaum abzusehen. Ging man zunächst von Kosten in der Größenordnung eines Mittelklassewagens aus, so musste diese Annahme nach weiteren Analysen revidiert werden. Schwammbefall, lautete die niederschmetternde Diagnose. 650  000 Euro waren vonnöten, um die Kirche zu sanieren. Da wurde der Förderverein zur Erhaltung der St.-Jürgen-Kirche aus der Taufe gehoben. „Wir wussten anfangs nicht einmal, ob eine Restaurierung überhaupt möglich sein würde“, erinnert sich Pastor Stefan Henrich. Und der Vorsitzende Lars Jensen-Nissen ergänzt: „Wir haben uns ziemlich ratlos angeguckt und uns gefragt, was machen wir?“ Sogar das Gespenst vom Abriss des Gotteshauses geisterte durch das Wohnviertel.

Doch dann ging ein Ruck durch die Gemeinde. Der Brückenschlag in alle gesellschaftlichen Gruppen, die sich für den Erhalt des Stadtbild prägenden Gebäudes stark machten, gelang. Flensburg ohne die St.-Jürgen-Kirche? Undenkbar. Die ersten Geldspenden flossen, die Zahl der Mitglieder wuchs beständig – bis zur heutigen Zahl von 41 ehrenamtlich Engagierten. Alle brachten ihr Know-how ein, jeder hatte ein Netzwerk, auf das er zurückgreifen konnte“, beschreibt Lars Jensen-Nissen den Zusammenhalt der Gruppe. Bei Gottesdiensten und Beerdigungen, Taufen und Trauerfeiern baute man erfolgreich auf die Kooperation mit St. Johannis. Der Verein stampfte Aktionen aus dem Boden, wie eine Bilderauktion oder ein Puzzle, die allein 45  000 Euro einbrachten. Es gab ein Sommerfest, Konzerte und eine Weinprobe. „Und auch viele Menschen spendeten, die mit Kirche nichts am Hut haben“, sagt Peter Reitner. So gab ein doppelt beinamputierter Bewohner einer Fachklinik in Schleswig ohne zu zögern zehn Euro, ein Zehntel von dem, was er monatlich zur Verfügung hatte. Er stamme aus Flensburg, erzählte er, habe auf der Ostseite gewohnt und finde, die Kirche müsse bestehen bleiben. Das fand auch ein ehemaliger Klassenkamerad von Vereinsmitglied Michel Bross, der inzwischen in Texas lebt. Beide besuchten einst das Alte Gymnasium. Diese Schule und die St.-Jürgen-Kirche gehören einfach zum Stadtbild dazu, meinte der Buten-Flensburger – und überwies kurzerhand 500 Euro. So gelang es dem Verein, bis heute den stolzen Betrag 140  000 Euro einzuwerben. Ein großartiger Beitrag, der es ermöglichte, dass das Gotteshaus im März dieses Jahres wieder seine Pforten öffnen konnte.

Der Dank der Gemeinde spiegelt sich im Gästebuch wider, das in der Kirche ausliegt. „So schön, dieses Haus wieder offen zu sehen. Abendsonne fällt durch die Fenster und es ist erholsam still. Danke für diesen friedvollen Ort“, heißt es darin. Oder: „Ein heller Ort, an dem man Ruhe findet, ein schönes Farbenspiel durch die Fenster. Gut, um mal die Perspektive zu wechseln.“ Und eine Besucherin aus Oberösterreich schreibt: „Die Kirche ist eine Oase der Stille. Sie hat mich berührt.“

Der Verein indes steht vor neuen Herausforderungen. So sind die Glocken von Rostfraß bedroht – und der Orgel droht die Luft auszugehen. „Man sieht“, sagt Jan to Baben, „unsere Aufgaben enden nicht.“

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen