Stadtgeschichte in Flensburg : Die Rache des alten Mühlenteichs

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Durch das Zuschütten des Sees für den Bau des Bahnhofes entstand ein Untergrund, der bis heute Probleme bereitet.

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28. März 2017, 05:52 Uhr

Kein Wunder, dass am Munketoft der Schlauchturm der Berufsfeuerwehr in Schieflage geriet. Einige Wochen zuvor war das Hallenbad nebenan abgebrochen worden. Von der Last des Gebäudes befreit, kam der Untergrund aus dem Gleichgewicht – ein Untergrund, der die Stabilität eines Puddings hat.

Die Grundstücke des alten Hallenbades und der Feuerwache liegen auf dem ehemaligen Mühlenteich, einer großen Wasserfläche, die einst vom Kloster zum Heiligen Geist bis zum nördlichen Abhang der Backensmühle reichte. Für den Bau des neuen Bahnhofes in den 1920er Jahren wurde der große Teich zugeschüttet – mit gewaltigem Aufwand. Es blieb ein Baugrund, der bis in die Gegenwart hinein größte Schwierigkeiten bereitet und ab und zu an mit Problemen an die vernichtete See-Idylle erinnert: die Rache des Mühlenteiches.

Er war ein Relikt der Eiszeit. Abschmelzendes Gletscherwasser wühlte eine gewaltige Kuhle in den Untergrund. Die Sohle des Teiches lag zwölf Meter unter dem normalen Wasserstand der Förde. In dieser Senke sammelte sich der Rest Schmelzwasser, ständig gespeist vom Hangwasser aus den umliegenden Hügeln.

Wichtiger Zulauf war auch der Mühlenstrom, der den See durchfloss.

Der Abfluss des Teiches war ein hervorragender Platz für eine Wassermühle: Dort entstand die Ringesche oder auch städtische Wassermühle (heute Grundstück C&A).

Eine Engstelle im See gab die Linie vor für den Bau eines Dammes durch das Wasser: den Munketoft. Damit war der Mühlenteich geteilt in den südlichen, großen und den nördlichen, kleinen Mühlenteich. Für eine schnelle Ost-West-Verbindung in der sich entwickelnden Stadt war der Munketoft eine günstige Route.

Die englischen Investoren, die die erste Eisenbahn nach Flensburg bauten, errichteten den Bahnhof am ZOB. Um das Gleis in die Stadt zu führen, wurde ein Damm durch den kleinen Mühlenteich geschüttet. Damit waren aus dem Mühlenteich von einst drei Mühlenteiche geworden. Deshalb gibt auch Fotograf Friedrich Brandt seinem Foto den Titel „Die drei Mühlenteiche“ (großes Bild).

Diese Wasserflächen waren das letzte freie Gelände, als die Bahn zu Beginn des 20. Jahrhunderts Flächen für den Bau eines neuen Bahnhofes suchte. Das Gebiet rund um den ZOB bot keinen Platz mehr. Allerdings: Die Teiche mussten weg. Bei ihrer Tiefe und den verlandenden Ufern sollte das Zuschütten eine echte Herausforderung werden. Monatelang wurden Massen von Kies – rund 2,6 Millionen Kubikmeter – ins Wasser geschüttet. Der matschige Untergrund erwies sich als ein schwieriger Gegner. Unter der Last der Sandmassen brach der Grund und der Boden des Mühlenteiches erhob sich als dunkle, morastige und stinkende Masse über die Wasseroberfläche. Wenn die Erde in Schollen abriss und unterging, versank auch schon mal eine Feldbahn.

Schließlich war es geschafft. Der große Mühlenteich war zugeschüttet und bot das Terrain für den neuen Bahnhof. Der kleine Mühlenteich war gleich mit beseitigt worden, um für die Stadt im Süden Entwicklungsfläche zu bieten.

Damit hatte Flensburg zwei Perlen seines Stadtbildes verloren. Die beiden Seen hatten ihren Wert für die Naherholung. Diese Idylle hatten sich die Flensburger nehmen lassen. Die Lage des Bahnhofes macht sie bis heute nicht zufrieden und auf die Verwandlung des Gebietes zwischen Altstadt und Bahnhof zu einem florierenden Bahnhofsviertel warten die Flensburger bis heute.

Allerdings: Vor einer Bebauung der alten Teichflächen musste das Problem des weichen Untergrundes gelöst werden. Für den Bahnhof entwickelte sich das zur Großaufgabe. Die Baufachleute ließen für den neuen Bahnhof 1600 Eisenbetonpfähle in den Untergrund rammen, die die aufgeschütteten Sandmassen und den matschigen Untergrund durchstoßen mussten, um den festen Boden zu erreichen.

Das gleiche Verfahren wurde ebenso für den Bau des Deutschen Hauses gewählt: mit 650 Pfählen aus Eiche.

Auch der Bau des Schlauchturms war nicht problemlos. Dass seine Pfahlgründung nicht dauerhaft erfolgreich war, ist für Feuerwehrleute ein alter Hut. Der Schlauchturm steht seit Jahrzehnten schief wenn auch nicht so prägnant wie der „Kollege“ in Pisa. Als aber der Boden des Nachbargrundstücks vom Gewicht des Hallenbad-Gebäudes entlastet war, kam der Pudding im Untergrund in Bewegung. Einsturzgefahr – der Schlauchtum wird abgebrochen.

Bekanntschaft mit den Tücken des alten Mühlenteiches machte auch der Selbsthilfe-Bauverein (SBV), als er sein Neubauprojekt gegenüber der Feuerwache anpacken wollte. Als der Bagger zum ersten Mal in den Boden griff, strömte im ausgehobenen Loch reichlich Wasser zusammen. Daraufhin wurde die Absicht, den Neubau mit einer Tiefgarage auszustatten, vom SBV ersatzlos gestrichen. 

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