Hofkultur : Die Poesie einer Prinzessin

Kleingeldprinzessin und Stadtpirat: Dota Kehr beflügelt ihr Publikum im Roten Hof, Jan Rohrbach klampft virtuos dazu.  Foto: Dommasch
Kleingeldprinzessin und Stadtpirat: Dota Kehr beflügelt ihr Publikum im Roten Hof, Jan Rohrbach klampft virtuos dazu. Foto: Dommasch

Ein Hippie-Mädchen, zwei Stunden voller Poesie, drei Freibeuter - und prompt schmelzen 240 Flensburger dahin. Zauberhafte Hofkultur mit Dota Kehr und den Stadtpiraten.

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13. August 2009, 11:20 Uhr

Flensburg | Ihr Zopf wippt zur Musik; ihre Poesie schallt durch den Roten Hof; mit ihrem Humor wickelt sie das Publikum im Nu um den Finger. Die Sängerin Dota Kehr liebt das Spiel - und seit Dienstag liebt Flensburg sie.

"Ist euch kalt? Soll ich euch siezen?", fragt die Berlinerin unvermittelt zwischen zwei Liedern. Sie duzt beharrlich weiter, während die 240 Gäste zwischen den alten Gemäuern dichter zusammenrücken. Babyköpfe, Rasta zöpfe, graue Schöpfe. Vermutlich hat sich sich hier das bunteste Publikum der diesjährigen Hofkultur versammelt.

Dass der Kleingeldprinzessin, alias Dota Kehr, bei flotten Stücken bisweilen die Stimme wegbricht, nimmt ihr niemand krumm. Entscheidend sind die Magie ihrer Worte und das Zusammenspiel mit ihren drei Musikern. An Schlagzeug, Gitarre und Bass fangen die "Stadtpiraten" ihre Frontfrau in jeder Lage auf.
Tango im Glashaus
Vor allem Jan Rohrbachs Spiel besticht. Wenn die Finger des Lockenschopfes nicht gerade über Gitarrensaiten rasen, klimpert er am kleinen E-Klavier. Doch der Höhepunkt seines Auftritts ist ein Solo auf der Melodica, das Kehrs neuestes Stück "Im Glashaus" mit einer kräftigen Prise Tango würzt.

Auch die Kleingeldprinzessin folgt ihrer Intuition. Etwa wenn sie zwischendurch unvermittelt von der Bühne springt und durchs Publikum tanzt. Die Stadtpiraten überspielen die Minuten, bis Dota zurück zu ihnen aufs Podest hüpft. Sie ist stets bereit für neue Überraschungen, schnalzt komplexe Rhythmen und singt parallel dazu. Ihre Hörer schütteln die Köpfe, johlen und spenden Extra-Aplaus.

Über 240 Gesichter huscht ein Lächeln. Und das, obwohl die Dota Kehr die Chronologie des Abends wie folgt beschreibt: "Ich habe zwei Arten von Stücken geschrieben: traurige und beängstigende. Die spiele ich immer im Wechsel, das hat sich bewährt."

Unter die zweite Kategorie fällt beispielsweise eine rasante Polka in C-moll mit dem Titel "Zimmer". Der Song kreist um eine monströse Fliege, deren Dauer-Summen einen Mieter zunächst aus seiner Wohnung - und schließlich in den Wahnsinn treibt.

Plötzlich steht Dota Kehr allein auf der Bühne. Violettes Licht strahlt sie an, die weiße Kuppel eines Sonnenschirms steht zwischen ihr und dem Nachthimmel. In Versform philosophiert die 28-Jährige über einen "erfundenen Traum" und schlägt dabei logische Haken.

Bei aller Fantasterei gibt sich das Hippie-Mädchen aus der Hauptstadt durchaus auch sozialkritisch. Dota Kehr streift Themen wie den Datenschutz oder die soziale Vereinzelung. Meist pendelt die Stimmung im Roten Hof jedoch zwischen Melancholie und Romantik. "Weißt du, ich steh doch auf Kitsch und so Kram", singt sie zwischendurch. Auf verbale Zuckerwatte steht die Kleingeldprinzessin nicht: Dota Kehrs Poesie klebt nicht; sie beflügelt.

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