Ehemalige Bordellgasse in Flensburg : Die Pioniere des Oluf-Samson-Gangs

Halten auch heute noch zusammen: v.l. Philipp Pudenz, Thomas Kühn, Dieter Dockhorn, Roy Comorr und Hellwig Hofmann vor dessen Häusern, die er Anfang der 80er Jahre gekauft und saniert hatte.
Halten auch heute noch zusammen: v.l. Philipp Pudenz, Thomas Kühn, Dieter Dockhorn, Roy Comorr und Hellwig Hofmann vor dessen Häusern, die er Anfang der 80er Jahre gekauft und saniert hatte.

Fünf Sanierer und Bewohner aus den frühen 80er Jahren feiern das offizielle Ende der Sanierung in der ehemaligen Bordellgasse.

shz.de von
27. Januar 2017, 06:00 Uhr

Flensburg | Zwei bis drei Jahre sollte es dauern, bis die letzten Damen ausgezogen sind – damals Anfang oder Mitte der 80er Jahre. Mit dieser Aussicht wurden die ersten „bürgerlichen“ Siedler im Oluf-Samson-Gang bei Laune gehalten. Tatsächlich hat die letzte Vertreterin des horizontalen Gewerbes 2015 ihre Sachen gepackt – deutlich über 30 Jahre später als geplant. Jetzt haben sich fünf der Oluf-Pioniere von damals getroffen, um das offizielle Ende der Sanierung der schönsten Gasse Flensburgs zu begehen – mit einem Essen bei den noblen neuen Nachbarn im Hotel Hafen Flensburg.

Der erste Siedler war Architekt Hellwig Hofmann, er kaufte von 1981 bis 1983 die Häuser Nr. 22, 20 und 18. Hier hatte er sein Büro, hier hat er mit seiner Familie gewohnt. „Ich habe eine Kiste Champagner gekauft, jede der Damen bekam eine Flasche“, erinnert er sich. Am nächsten Tag bekam er Zuhälterbesuch. Tenor: „Mach das nicht nochmal, sonst gibt’s Ärger!“ Die Damen waren duhn und konnten nicht mehr anschaffen. Hofmann hielt sich an den Rat.

Allen fünf Pionieren war eins gemein: Sie hatten einen anderen Traum als den vom Häusle im Neubaugebiet, und sie hatten den Charme hinter den bröckelnden Fassaden der winzigen Häuser erkannt. „Als früher die Handwerker hier wohnten, spielten die Kinder auf der Straße und der Opa saß auf dem Stuhl vor dem Haus“, so Philipp Pudenz, „diesen Zustand wollten wir wieder herstellen.“ Er kaufte ein Haus für 19.000 Mark – und steckte nochmal gut 200.000 für die Sanierung rein.

Dieter Dockhorn ließ sich das Haus Nr. 25 von der Dame zeigen, die seinerzeit dort arbeitete: „Sie trug einen Bikini mit Mickeymäusen, als sie vor mir die Treppe raufstieg“, erinnert er sich schmunzelnd. Dockhorn ist der einzige, der seit damals immer im Oluf gewohnt hat; alle anderen sind früher oder später aus diesen oder jenen Gründen weggezogen.

Das Verhältnis zu dem prägenden Gewerbe damals war ambivalent. Eigentlich vertrugen sich alle gut mit den Damen. Als Pudenz eine zu helle Außenbeleuchtung anbrachte, bekam er Besuch von Puffmutter Oma Mogensen: „Das ist zu hell, meine Mädchen werden so geblendet“, monierte sie. Helles Licht war schlecht fürs Geschäft, die Freier wollten unerkannt bleiben.

Doch eigentlich wollten die ersten „zivilen“ Bewohner die Stadt beim Wort nehmen und die Bordellnutzung möglichst bald beendet sehen. Doch im Rathaus agierte man zögerlich und tat sich schwer damit, den Sündenpfuhl trocken zu legen. Pudenz glaubt zu wissen, warum: „Einige aus dem Rat waren hier regelmäßig Kunden.“ Zudem erwies sich das älteste Gewerbe als sehr hartnäckig. Einige der Häuser gehörten der Stadt oder der Sanierungsgesellschaft; durch Verkauf hätte man die Bordellnutzung schnell beenden können.

Doch es dauerte – ebenso wie die Umsetzung der Zusage, den Durchgangsverkehr zu beenden. „Die ersten zwei bis drei Jahre fuhren hier noch Autos durch.“ Ausgebremst fühlten sich die neuen Hausbesitzer zudem durch das Bauamt. „Die haben alles konterkariert, was die Politiker beschlossen hatten“, ereifert sich Pudenz. „Ich hatte Fenster eingebaut“, so Dockhorn, „die sollte ich zunageln.“ Erst ein Besuch beim Stadtbaurat löste das Problem.

Unvergessen ist allen ein besonderer Coup der Stadt: Die Südseite des Oluf wurde Sanierungsgebiet, die Nordseite nicht. Somit galten auf der einen Straßenseite andere Regelungen und andere Fördermöglichkeiten als gegenüber – eigentlich ein Unding. Erst viel später kam die andere Straßenseite hinzu.

Die Erinnerungen heute sind ohne Groll; alle freuen sich, dass der Oluf die schönste Hafengasse an der Ostsee geworden ist. Zu den vielen schönen Erinnerungen wie die gute Nachbarschaft untereinander gehört auch die legendäre Brecht-Weill-Revue, die hier in den 90er Jahren open air aufgeführt wurde. Und wenn ganz selten noch ein Freier ans Küchenfenster klopft, nimmt man das lächelnd in Kauf.

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