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Flensburger Tageblatt

21. Oktober 2017 | 04:10 Uhr

Reliefkarten : Die Nordsee im Kleinformat

vom

Jochen Brodersen aus Harrislee (Schleswig-Flensburg) erstellt Reliefkarten. Mit den Exponaten tourt er im Rahmen einer Wanderausstellung durch die Republik.

shz.de von
erstellt am 01.Jun.2010 | 06:41 Uhr

Harrislee | Seit sieben Jahren erstellt Brodersen sogenannte Reliefkarten. "Damit bin ich wahrscheinlich ziemlich allein auf dem Markt", sagt der 61-Jährige Harrisleer. Deswegen hat, wer in einem Museum oder einer Ausstellung an einem dreidimensionalen Modell einer Landschaft steht, gute Chancen, ein Stück aus Brodersens Werkstatt vor sich zu haben.
Für die neue Ausstellung des Meereszentrums auf Fehmarn hat er beispielsweise die Ostsee als Reliefkarte gefertigt: 1,20 Meter lang, einen Meter breit, gut zehn Zentimeter dick und knapp 100 Kilogramm schwer. Ab Herbst wird das Modell in der neuen Meeresausstellung auf der Ostseeinsel zu sehen sein. Es zeigt die gesamte Ostsee vom Zufluss der Nordsee bis hin zum Bottnischen Meerbusen bei Finnland - in 3D. Das heißt: Große Inseln wie Gotland ragen als massive Gebirge vom Meeresgrund hervor, kleine wie Bornholm gleichen spitzen Nadeln, die aus dem dunklen Blau der tiefen Meeresstellen emporstechen. Brodersens Nordsee tourt im Rahmen einer Wanderausstellung der Uni Bremen durch die ganze Republik. Das Besondere: In dieser Nordsee schwappt auch echtes Wasser. Seit 12 Jahren ist der gelernte Maschinenbau-Ingenieur Brodersen mit seiner Firma "drei-D-Formenbau" selbstständig. Angefangen hat er mit dem Bau von Displays - kleinen Laden-Regalen, die speziell geformte Aussparungen für Waren haben. Ein Kunde brachte ihn dann auf den Trichter - im wahrsten Sinne des Wortes: "Der Kunde fragte nach einem Spendentrichter." Auch so etwas konnte Brodersen fabrizieren: Der Kunde bekam seinen Spendentrichter - und Brodersen eine Idee für ein Geschäftsmodell.
"Die Kunst ist der richtige Umgang mit den Maßstäben"
Mit CAD - kurz für "Computer Aided Design", computerunterstützte Gestaltung - lassen sich dreidimensionale Modelle am Rechner erstellen und in digitale Anweisungen für eine Fräsmaschine umsetzen. Und genau das macht Brodersen seither: Gleich nach Ende seines Arbeitsverhältnisses kaufte er eine große Fräsmaschine, schaffte sich einen leistungsstarken Computer und ein CAD-Programm an - und legte los. "Ich war keinen Tag arbeitslos!", sagt er stolz.
Seine Exponate sind Einzelstücke: Aus Satellitenbildern der NASA extrahierte Brodersen die Angaben über die Meerestiefen. Diese "Kolonnen von Zahlen" wandelte er in seinem CAD-Programm in eine "Punktewolke" und die wiederum in ein 3D-Modell um. Als der Computer mit der Berechnung fertig war, hievte Brodersen den Polyurethan-Block mit einem kleinen Gabelstapler in die gut drei Meter große Fräsmaschine, spannte den ersten Fräskopf ein - und gab der Maschine grünes Licht. Tag und Nacht arbeitete die vor sich hin. "Die Kunst", sagt Jochen Brodersen, "ist der richtige Umgang mit den Maßstäben." Hielte man sich streng an eine maßstabsgerechte Darstellung, sähe das Modell merkwürdig aus: Riesige Berge, flache Meere und die eigentlich interessanten Details wären nicht mehr zu erkennen. Das am Computer zu modellieren, bevor die Fräse ihre Arbeit aufnimmt, ist das eigentliche Handwerk Brodersens.
Neulich musste Brodersen Probleme lösen, als seine Nordsee ständig überlief: "Das Modell stand in Kempten im Allgäu", erzählt Brodersen. "Das liegt viel höher als Harrislee, der Luftdruck ist ein anderer als hier. Und weil der Sensor, der die Pumpe für das Wasser steuert, Druck gesteuert ist, gab es da natürlich Probleme." Per Telefon ließ sich aber auch die Nordsee im Allgäu zähmen.


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