Twedt : Die Mutter von Mürwik

Innerhalb eines Jahrhunderts wurde eine Ansammlung von Höfen zu Flensburgs größtem Stadtteil; auch Kauslund und Trögelsby gehörten zu Twedt.

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01. April 2010, 11:40 Uhr

Twedt/Mürwik | Mit gerade vier Höfen war Twedt selbst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Krümel im Stadtbild. Allerdings: Eine alte preußische Karte des Flensburger Ostens zeigt Twedt als große Nummer, gemessen an der Fläche. Es stieß an Engelsby, umfasste Trögelsby, Vogelsang, Wasserloos und Kauslund, Geschlossenheck, den heutigen Bereich Fördewald. Die Gemeindegrenze stieß in der Bucht von Meierwik ans Wasser.

Der Name Twedt steht für eine Ortschaft am Wald. Die älteste Quelle, die Twedt nennt, stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Zu einem richtigen Dorf entwickelte sich Twedt allerdings nie. Die modernen Zeiten, etwa mit der Kleinbahn, ließen Twedt links liegen, das durch die Jahrhunderte sein dörfliches Bild bewahrte.

Auch trotz der großen Entfernung gehen die Stadthistoriker davon aus, dass Twedterholz ein Ableger von Twedt war: Dorfbewohner aus Twedt, die Land in Twedterholz bewirtschafteten, verließen ihre alte Unterkunft in Twedt und bauten in Twedterholz neu. Das Gebiet muss bewaldet gewesen sein, der ursprüngliche Name "Tweting Holt" deutet darauf hin.
Twedterholz war beliebtes Ausflugsziel zu Kaisers Zeiten
Das Gebiet ernährte die Menschen mit Fischerei und Holzwirtschaft, im Kirchspiel Adelby war Twedterholz das größte Katendorf mit 34 Katen im Jahr 1856, die sieben von Fahrensodde und Osbek mitgezählt. Die drei Ziegeleien lagen direkt im Dorf, an der Grenze zu Meierwik und beim Hof Osbek am Fördeufer. Der einstige Weg, der Twedt mit Twedterholz verband, ist heute der Kiefernweg. In der Kaiserzeit wurde Twedterholz zum beliebten Ausflugsziel. Johannisgarten (später: Himbeer-Ranch, heute: Delfter Stuben) und Solitüde waren beliebte Gaststätten. Schon Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Twedterholz eine eigene Schule, die über die Eingemeindung hinaus gesichert wurde.

Die Stadtgrenze im Nordosten reichte etwa bis zur Ziegeleistraße. Das ursprüngliche Mürwik - nur eine Hand voll Katen in Höhe der heutigen Bäckerei Hansen - gehörte noch zu Fruerlund. Die Bucht von Mürwik, die "matschige Bucht", in der sich ab 1902 die Marine ansiedeln sollte, war ein Teil von Twedterholz. Durch Verlegung von Ausbildungseinrichtungen von Kiel nach Flensburg-Mürwik wuchs die Marine rasant, die Soldaten suchten sich mit ihren Familien Wohnraum in der Nachbarschaft. Die ersten neuen Wohnhäuser entstanden, die "Seewarte" war ein Symbol für den neuen Boom.

Außerordentlich ärgerlich für die Menschen war das Fehlen einer gut ausgebauten Straße nach Flensburg; ein Dampfer und ein Boot der Marine übernahmen die Funktion einer solchen.

Seit Ansiedlung der Marine hatte Flensburgs Oberbürgermeister Dr. Todsen die Gemeinden im Osten in seine strategische Planung einbezogen. Richtig sah er voraus, dass das Marinegelände knapp außerhalb der Stadtgrenze einen Zug nach Flensburg auslösen würde. Zunächst musste Flensburg allerdings zusehen, wie die kleinen Nachbarn wuchsen. Unangenehm war den Flensburger Stadtvätern die Vorstellung, die Marineoffiziere könnten in die Landgemeinden abwandern - aus Gründen der Reputation wollten die Flensburger sie in ihren Stadtgrenzen haben, vor allem die Offiziere.

Zwei Jahre nach der Eingemeindung vergingen noch, bis endlich die Straße nach Mürwik - die "Kaiser-Wilhelm-Straße" (heute Mürwiker Straße) - fertig war und die Straßenbahn ihre Linie 3 nach Mürwik schickte. Damit war der Boden für ein rasantes Wachstum bereitet, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Anlage des Twedter Plack und seiner benachbarten Straßen fortsetzte. Die 40 Jahre alte Vision des Oberbürgermeisters Dr. Todsen erfüllte sich mit dem Entstehen Mürwiks, des größten Flensburger Stadtteils.

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