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Flensburger Tageblatt

19. August 2017 | 02:24 Uhr

Die Möwen sind los!

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Aufstieg ist mühsam. Dennoch gehört der Friesische Berg, namentlich die von prächtigen Bauten gesäumte Mathildenstraße, zu den prädestinierten Wohngegenden in Flensburg. Die Jugendstil-Architektur, die historische Kopfsteinpflasterung, das üppige Grün lassen Herzen höher schlagen. Doch nicht nur Mieter, sondern auch fiese, fliegende Räuber fühlen sich von dem Premium-Quartier magisch angezogen.

Detlef Rubarth, Bewohner des Hauses Nummer 5, das neben zwei weiteren zu Flensburgs eingetragenen Kulturdenkmalen gehört, hat es genau vor Augen. Einst verdunkelten schwarze Krähenschwärme den Himmel über dem Stadtteil auf der Westlichen Höhe; nicht gern gesehene Gäste, aber immerhin in friedlicher Koexistenz lebend mit vereinzelten Tauben, die munter in den Baumwipfeln vor sich hin gurrten, mit Amseln, Meisen und dem gemeinen Spatz.

Das Regiment der Krähen hat nun ein jähes Ende gefunden, die Tauben haben sich verschreckt versteckt, Singvögel das Weite gesucht. Morgens um 4.15 Uhr beginnt das Geschrei, dann klingelt’s in den Ohren der Schläfer, mit der Bettruhe ist’s vorbei.

Ein Blick aus dem Fenster genügt: Sie sind wieder da. Dutzende Möwen kreisen bedrohlich über den Mehrfamilienhäusern, auch die Mieter der Christinen- und Luisenstraße wähnen sich unversehens in einem Hitchcock-Streifen. Horror pur! Silber- und Heringsmöwen setzen sich „in Horden auf die Dächer und machen richtig Krach“, wie es Detlef Rubarth formuliert. Nach zehn Minuten ist der Spuk vorbei, die lästigen Besucher kehren jedoch bis zu achtmal am Tag wieder zurück. Erst um 22 Uhr ist Ruhe im Karton, der Möwen-Terror ebbt ab.

Die Nachbarn sind verärgert ob des ohrenbetäubenden Lärms, der an Strand und Meer, bei Wind und Wellen durchaus als angenehm empfunden werde, aber bitteschön nicht hier. Womöglich würden die Vögel in absehbarer Zeit auch noch beginnen zu brüten, nicht auszudenken!

Das Phänomen sei aufgetaucht Mitte Juli, als fliegende Ameisen in Massen durch die Lüfte irrten und die Möwen nur noch den Schnabel aufhalten mussten wie weiland im Schlaraffenland. Ja, sie verachten selbst Insekten nicht. Die Möwe ernährt sich zwar traditionell von Krusten- und Weichtieren sowie Fischlein, ist aber ein Allesfresser und somit menschlichen Abfällen und – igitittigitt! – Aas nicht abgeneigt. Offenbar gibt es in der Zivilisation in überquellenden Mülleimern und Containern, die zu öffnen für das Federvieh ein Kinderspiel ist, genug davon. Warum also auf anstrengenden Beutezug gehen?

Man wird unwillkürlich an Sylter Verhältnisse erinnert. Auf der Insel verfolgen kackfreche Promenaden-Möwen in tückischem Flug kleine Kinder mit Crêpes, picken ihnen das Eis oder die Bratwurst aus der Hand und sorgen für Tränen und blutige Finger. Alle Maßnahmen haben bislang nicht gefruchtet. Weder das Fütterungsverbot mit Strafen von bis zu 1000 Euro noch das Absammeln der Möweneier von den Flachdächern, die schließlich auch noch mit Drähten überspannt wurden, um eine Landung der Flieger zu erschweren. Selbst hochfrequenten Schwingungen gegenüber zeigte sich der Feind immun.

Der ohnmächtige Gegner auf zwei Beinen wird zu allem Überfluss auch noch von oben herab verlacht, es schiebt sich zu diesem Zweck der nach unten gekrümmte Oberschnabel der Möwe so weit in die Höhe, als wolle sie, immer noch kichernd, als zusätzliche Verhöhnung des Menschen eine blendend weiße Zahnreihe freigeben. O weh, wer will wohnen, wo man neben Lärm noch so viel Spott ertragen muss?

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