Flensburgs Hochhäuser im Blick : Die Mahnung des Londoner Feuers

<p>Sonnig und groß: Wohngebäude in Engelsby an der Ecke Brahmsstraße / Mozartstraße.</p>
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Sonnig und groß: Wohngebäude in Engelsby an der Ecke Brahmsstraße / Mozartstraße.

Flensburger Hochhäuser nach Feuerwehr-Kenntnis ohne Polystyrol in der Fassade - und der SBV will künftig nur noch Mineralwolle verwenden

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21. Juni 2017, 05:34 Uhr

Die Bilder des brennenden Grenfell-Towers gingen und gehen um die Welt; seit einer Woche veröffentlicht die Londoner Polizei fast täglich eine neue, höhere Zahl an Todesopfern. Zuletzt waren es 79. Die Vorstellung eines Großbrandes in einem Hochhaus ist nicht nur für Feuerwehrleute und Bewohner ein Alptraum. „Das Schlimmste, was passieren kann: nicht helfen zu können“, sagt Flensburgs Feuerwehrchef Carsten Herzog zur Situation des verheerenden Brandes in Kensington.

Diese Situation schließt er jedoch für Flensburg aus – aus mehreren Gründen. In Flensburg gibt es eine ganze Reihe hoher Häuser, von denen jedoch nur wenige tatsächlich die Kriterien eines Hochhauses erfüllen. Doch keines ist so hoch wie der Grenfell Tower. „Man konnte sehen, dass der Wasserstrahl die oberen Etagen nicht mehr erreichte“, so Herzog. Mit der Feuerwehrleiter komme man in Deutschland auf 23 Meter Höhe, der Wasserstrahl reiche nochmal acht Meter weiter. „So hoch ist in Flensburg kein Haus.“

Doch Herzog weist auf einen anderen Aspekt hin. In London geriet schnell die Wärmedämmung des Hochhauses in Verdacht, den Brand beschleunigt zu haben. Und ebenso schnell warnten Experten auch in Deutschland vor dem seit Jahren intensiv verbauten Dämmstoff Polystyrol. „Den sehen die Feuerwehren in Deutschland durchaus kritisch“, so Herzog. Und natürlich wurde und wird dieser Dämmstoff auch in Flensburg häufig verbaut. „So weit wir wissen, ist dieser Dämmstoff jedoch nicht in den sechs Flensburger Hochhäusern verbaut“, sagte Herzog. In Deutschland ist der Einsatz von Polystyrol in Hochhäusern nicht erlaubt.

Auch der Selbsthilfebauverein (SBV) hat in den vergangenen Jahren viele Häuser mit einem Wärmedämmverbundsystem, in dem Polystyrol enthalten ist, gedämmt – wohl wissend, dass er zwar offiziell als „schwer entflammbar“ gilt, im Zweifel aber doch gefährlich werden kann. In Deutschland hat es tatsächlich Fälle gegeben, in denen dieser Stoff bei Bränden Feuer gefangen hat und damit die Ausbreitung wohl beschleunigte (Duisburg-Meiderich, Mai 2016, drei Tote). Beim schwersten Feuer eines SBV-Hauses in den zurückliegenden Jahren (Zur Exe/Schützenkuhle) habe die Dämmung aber gehalten, erklärte SBV-Vorstand Jürgen Möller gegenüber dem Tageblatt.

Trotzdem habe man sich entschieden, künftig auf Wärmedämmverbundsysteme mit Polystyrol zu verzichten – und zwar schon vor Grenfell Tower. So werde bei dem Neubau Travestraße 28 mit immerhin sieben Geschossen ein Verbundsystem ausschließlich mit Mineralwolle verwendet. Die ist teurer als Polystyrol und wurde bislang von vielen Bauherren deshalb gemieden. „Wir wollen weg von den Stoffen, die irgendwann ja auch als Sondermüll entsorgt werden müssen“, so Möller. „Wir werden in Zukunft nur noch Mineralwolle verwenden.“ Das habe man bisher auch schon bei vielen Gebäuden im Erdgeschoss gemacht – weil dort die Gefahr eines von außen entstehenden Feuers am größten ist, etwa durch einen brennenden Müllcontainer.

Zudem habe man beim SBV in jeder Etage einen horizontalen Brandriegel zwischen den Etagen eingebaut – „obwohl wir es nicht müssten“, so Möller. Dieser Riegel aus nicht brennbarem Material soll ein Übergreifen eines Feuers von einer Etage in die nächste verhindern oder zumindest bremsen.

Und wo bislang Polystyrol verwendet wurde, habe man per Stichproben konkret überprüft, ob die Platten vorschriftsmäßig ohne Lufteinschluss direkt auf das Mauerwerk verklebt wurden. Das sei wichtig, damit das Feuer im Falle eines Falles keine Luft von hinten bekomme.

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